Selbstwertgefühl stärken trotz täglicher Abwertung

Probleme innerhalb des beruflichen Umfeldes: Mobbing, Bossing, Betriebsklima, Überforderung, Führungsstile ...
daria1981
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Selbstwertgefühl stärken trotz täglicher Abwertung

Ungelesener Beitrag von daria1981 » Do 6. Dez 2018, 08:04

Hallo,

ich hätte eine Frage an euch und zwar, wie ihr damit umgehen würdet, ob ihr soetwas schon erlebt habt und ob ihr Tipps für mich habt.

Und zwar war die Situation so, dass ich, als ich in die Firma kam, gerade ein Chef für die Abteilung gesucht wurde. Unser Oberchef hat mich eingestellt und der direkte Kollege von mir hatte wohl nicht den richtigen Draht zu diesem Chef. Er wollte die Abteilung leiten, der Oberchef hat ihn aber nicht zum Abteilungsleiter gemacht. Als ich ins Team eingestiegen bin, habe ich schon gemerkt, dass der Kollege nicht so viel Erfahrung hat wie ich und tatsächlich vieles nicht so schnell versteht und durchblickt. Sein Vorteil war jedoch, dass er die Firma schon länger als ich kannte. Es kam immer wieder zu kleinen Auseinandersetzungen darüber, wie wir vorgehen wollen, und ich hatte immer das Gefühl, er sieht mich als Konkurrenz und „bekämpft“ mich geradezu. Darauf angesprochen, ob wir denn um den Abteilungsleiterposten kämpfen, erzählt mir der Kollege natürlich nicht die Wahrheit.

Es kam dann tatsächlich alles anders - der Oberboss ging nach einem halben Jahr und hat mangels Alternativen meinen Kollegen dann doch zum Abteilungsleiter gemacht. Dh. dieser Kollege war nun mein Chef.

Ich muss glaube ich nicht erwähnen, dass das natürlich schwierig war. Insbesondere, weil der Kollege/Chef grundsätzlich schonmal aufgrund seiner Körpergröße ein großes Geltungsbedürfnis hat, er hatte weiterhin Angst, dass ich „stärker“ bin, hält mich natürlich aus allem so gut es geht raus und gibt nur Informationen weiter, die ich notwendigerweise brauche...

Mit einem Wort, er versucht mich nach wie vor klein zu halten und das ganze hat mittlerweile Auswirkungen auf mein Selbstwertgefühl. Dieses entsteht ja vor allem auch durch das Feedback deines engsten Umfelds, und wenn du jeden Tag so viel Zeit miteinander verbringst und da jemand sitzt, der dir das Gefühl gibt, du bist nicht so wichtig und deine Meinung zählt nicht, dann macht das was mit dir. Und ja, das findet zusätzlich/parallel zu dieser Mobbing Sache statt.

Eigentlich beantworte ich mir meine Frage schon wieder selbst - ja, natürlich muss ich da weg.
Alleine schon die Tatsache, dass der Kollege, von dem ich nicht halte, dass er fachlich die beste Wahl ist (ich hätte jemand weit mehr senioriges erwartet), mein Chef ist wertet mich aus meiner Sicht ab. Ohne dass er mir was tut. Einfach nut aufgrund dieser Tatsache. Weil ich sehe, dass jemand mit weniger Erfahrung und weniger wertvollem, weniger innovativem Wissen, da jetzt sitzt. Nur, weil er die Notlösung für den vorigen Oberchef war, der unter Druck gesetzt wurde, endlich jemanden „da hin zu setzen“ (und ihm konnte es ja dann egal sein, wer da hockt).

Daher ist die Frage: gibt es eine Möglichkeit, die Situation nicht abwertend zu interpretieren? Habt ihr Tipps, wie ich mir das „einreden/klarmachen“ kann und dann ggf besser damit umgehen kann?

Ein Wechsel ist leider nicht so schnell möglich, wie gehofft, daher muss ich wohl noch eine Weile ausharren.

Vielleicht hat ja jemand schon was ähnliches erlebt und kann von seinen Erfahrungen berichten?

Vielen Dank

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Re: Selbstwertgefühl stärken trotz täglicher Abwertung

Ungelesener Beitrag von ZeroOne » Sa 8. Dez 2018, 09:21

Hi daria1981!
daria1981 hat geschrieben:
Do 6. Dez 2018, 08:04
Daher ist die Frage: gibt es eine Möglichkeit, die Situation nicht abwertend zu interpretieren? Habt ihr Tipps, wie ich mir das „einreden/klarmachen“ kann und dann ggf besser damit umgehen kann?

Ein Wechsel ist leider nicht so schnell möglich, wie gehofft, daher muss ich wohl noch eine Weile ausharren.

Vielleicht hat ja jemand schon was ähnliches erlebt und kann von seinen Erfahrungen berichten?

Vielen Dank
In deinem anderen Thread wurde ja auch schon einiges geschrieben. Ich würde es mal so zusammenfassen: dein Job an sich macht dir Freude, aber der Rest / das ganze Umfeld machen dich krank. Trifft es das?

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus (meine berufliche Situation war mit deiner vergleichbar, dazu noch ein nicht machbares Arbeitsvolumen), würde ich heute sofort handeln, wenn ich nochmals beruflich in eine solche Lage kommen würde, anstatt mich mit nicht tragfähigen Kompromissen über Wasser zu halten zu versuchen.
Auch würde ich mir heute schnellstmöglich professionelle Hilfe suchen (Psychotherapie, o.ä., etc.), die mich bei einer neuen Modellierung meines Lebens unterstützt.

Ich habe meinen Job (und nur den Job) auch geliebt. Erste psycho(somatische) Probleme kamen bei mir schon 2-3 Jahre vor dem Totalausfall und der offiziellen Diagnose "Burn-Out". Ich hatte das zwar erkannt, wollte aber nicht einsehen, dass ich in dieser Firma keine Zukunft habe, auch wenn mir der Job an sich noch so gefällt.

Zuerst habe ich versucht, den beruflichen Horror durch ein schöneres Privatleben zu kompensieren. Das hat tatsächlich auch funktioniert. Allerdings nur kurz, da mein "falsches, übertriebenes" Pflichtbewusstsein die Berufsthemen immer wieder in das Private reingespült hat. Irgendwann kamen dann auch im Privatleben die psycho(somatischen) Beschwerden/Ausfälle.

Anfangs wollte ich extern auch nicht nach anderen Stellen suchen, weil mir der Job an sich ja sehr gefiel und ich mich beruflich bereits in Bereichen bewegte, wo nicht an jeder Straßenecke was vergleichbares zu finden ist. Irgendwann habe ich eingesehen, dass kein Weg an externen Bewerbungen vorbeiführt, was ich dann auch startete.
Tatsächlich habe ich auch Einladungen zu Vorstellungsgesprächen bekommen, allerdings war mein Selbstvertrauen da dann schon so abartig zerstört, dass ich einfach nicht hingegangen bin, weil ich mich für unfähig hielt.

Ich könnte noch viel schreiben, fasse jetzt aber zusammen: das Elend mit immer krasser werdenden psychischen Auswüchsen dauerte ca. 3 Jahre, bevor es mich dann komplett umgehauen hat, nichts mehr ging und ich ärztlich aus dem Verkehr gezogen wurde.

Darauf folgten lange Behandlungen der verschiedensten Art. In meiner Dummheit habe ich sogar Wiedereingliederungsversuche beim alten Arbeitgeber angestrebt. Irgendwann kam dann die Erkenntnis, dass es zwischen mir und diesem Arbeitgeber nichts mehr wird. Ich habe mir dann rechtlichen Beistand von verschiedenen Seiten geholt und konnte mit dem Arbeitgeber einen für mich vorteilhaften Aufhebungsvertrag erzielen.

Anfangs - als es gesundheitlich noch problemlos gegangen wäre - habe ich meinen Job geklammert und konnte mir nicht vorstellen, meine Karriere umzubauen und etwas anderes zu machen.
Letztlich ist es dann aber doch so gekommen. Mit dem Unterschied, dass ich dann nicht mehr die Wahl hatte, sondern musste!
Und das ist - nach meiner persönlichen Meinung und Erfahrung - immer der schlechtere Weg, weil man dann reagiert und nicht mehr agiert. Man wird vom Puppenspieler zur Puppe!

Und vom Beruf abgesehen: hätte ich damals bei Zeiten reagiert, hätte es mich gesundheitlich wahrscheinlich nicht so in die Seile gehauen und ich müsste heute - Jahre später - nicht mehr unter den Konsequenzen leiden. Hätte ich den Burn-Out gleich akzeptiert, gehandelt und behandelt, wäre ich nach kurzer Zeit wahrscheinlich wieder topfit gewesen, hätte mir aus eigenem Antrieb einen tollen, neuen Job gesucht und alles wäre prima.

Aber wie sagt man so schön: "...hätte, hätte, Fahrradkette..." :D

Vielleicht helfen dir diese Zeilen ja irgendwie weiter.

LG
ZeroOne

daria1981
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Re: Selbstwertgefühl stärken trotz täglicher Abwertung

Ungelesener Beitrag von daria1981 » So 9. Dez 2018, 09:42

Vielen Dank ZeroOne,
du hast mir hiermit wohl die hilfreichsten Worte gespendet, seit ich in dieser Firma bin.
Vielen Dank dafür.

Warum sind sie aus meiner Sicht wohl so hilfreich? Vermutlich deshalb, weil ich in meinem Innersten sehe, dass ich es mit exakt der gleichen Situation wie du zu tun habe, und sehenden Auges hinnehme, dass mein Selbstwert immer mehr leidet und runte geputzt wird.... und wofür? Für einen schönen Firmenwagen und ein sattes Gehalt und im Hinterkopf die Stimme meiner Eltern „dir geht es doch so gut da (finanziell), da kannst du doch nicht gehen!!“

Dabei ist genau das Gegenteil der Fall... mir geht es wirklich immer schlechter und ich muss wohl wirkich einsehen, dass ich in dieser Firma keine Zukunft habe.

Nun sind schon in vielen externen Firmen Bewerbungsgespräche einfach nicht gelaufen, weil ich fallweise einfach meine Leistung nicht abrufen konnte, weil ich phasenweise so überarbeitet war, ...

Ich hatte eigentlich schon einen tollen Coach gefunden, aber Sie hat mir wegen Krankheit nun abgesagt. Mal sehen, ob es noch was wird mit diesem Coach. Alternativ habe ich nun einen anderen Coach kontaktiert, ich hoffe, der hat noch vor Weihnachten Zeit. Ich hatte diese Jahr auch einen Coach wöhrend der ganz schlimmen Phase, aber Sie hat mir dazu geraten da zu bleiben und nebenbei was anderes zu suchen.....


Naja, und vermutlich ist das auch das, was ich wohl weiter tun werde.... einfach alles hinzuwerfen geht ohnehin nicht: dameine Freizeit auch herhalten musste, mich über wasser zu halten, waren viele Urlaube und Aktivitäten notwendig, um „mir was zu gönnen“ und nicht komplett auszuflippen. Wobei ich das vor 1-2 Monaten bereits eingestellt habe und nun jeden cent spare.

Schritt 1 und 2 sind also schonmal „auf Schiene“ - Coaching und Sparen.

Fehlt nur noch Schritt 3, denn ich kann „noch“ zur Arbeit gehen, brauche aber dringend Tipps udn Strategien, wie ich mich mental so schützen kann, dass ich es nicht mehr als so belastend empfinde.
Vielleicht hilft es ja, wenn ich mir einfach versuche klar zu machen, dass es nur mehr wenige Monate sind, bis ich was gefunden habe. Bei jedem Wehwehchen daheim bleibe, mich nicht mehr für Sonderprojekte melde, mir Leute suche, die mich unterstützen und stärken...

Hat jemand Tipps für mich, wie ich mich vor den negativen Einflüssen schützen kann?

Eigentlich existiert die Belastung ja „nur“ in meinem Kopf. Wenn ich es also irgendwie schaffe, meine Einstellung zu verändern, vielleicht nehme ich es nicht mehr als so belastend wahr?

Hat das schon jemand geschafft?

Danke euch für alle Tipps..... ud danke ZeroOne, für deine Story, sie spiegelt exakt meine Situation wieder, hoffentlich ist das Ende jedoch noch vermeidbar und ich komme aus eigener Kraft hier raus....

Danke euch und viele Grüße

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Re: Selbstwertgefühl stärken trotz täglicher Abwertung

Ungelesener Beitrag von ZeroOne » Do 13. Dez 2018, 13:43

Hi daria1981!
daria1981 hat geschrieben:
So 9. Dez 2018, 09:42
Ich hatte eigentlich schon einen tollen Coach gefunden, aber Sie hat mir wegen Krankheit nun abgesagt. Mal sehen, ob es noch was wird mit diesem Coach. Alternativ habe ich nun einen anderen Coach kontaktiert, ich hoffe, der hat noch vor Weihnachten Zeit. Ich hatte diese Jahr auch einen Coach wöhrend der ganz schlimmen Phase, aber Sie hat mir dazu geraten da zu bleiben und nebenbei was anderes zu suchen.....
Coaching ist bestimmt eine tolle Idee! Allerdings ist die Gefahr doch sehr hoch, auf eines der vielen "schwarzen Schafe" in der Branche zu stoßen. Aber die gibt es unter den zugelassenen Psychotherapeuten auch (wobei es da dann wenigstens die KK bezahlt und man selbst nur den gesundheitlichen Schaden tragen muss...). Hast du dir bzgl. Psychotherapie schon mal Gedanken gemacht?
daria1981 hat geschrieben:
So 9. Dez 2018, 09:42
Fehlt nur noch Schritt 3, denn ich kann „noch“ zur Arbeit gehen, brauche aber dringend Tipps udn Strategien, wie ich mich mental so schützen kann, dass ich es nicht mehr als so belastend empfinde.
Vielleicht hilft es ja, wenn ich mir einfach versuche klar zu machen, dass es nur mehr wenige Monate sind, bis ich was gefunden habe. Bei jedem Wehwehchen daheim bleibe, mich nicht mehr für Sonderprojekte melde, mir Leute suche, die mich unterstützen und stärken...

Hat jemand Tipps für mich, wie ich mich vor den negativen Einflüssen schützen kann?
Ich kannte und kenne Arbeitnehmer, die eine (überzeugte) nüchterne Einstellung zur Arbeit haben: ein Entgelt X für eine Arbeitsleistung Y kassieren. Nicht mehr - auch nicht weniger.
Soll nicht heißen, dass denen der Job am A**** vorbeigeht. Die machen ihre Arbeit sauber und ordentlich, aber keinen Strich mehr. Wenn die abends heimgehen, dann lassen die Arbeitsthemen auch an der Pforte liegen und nehmen sie frühestens wieder auf, wenn sie am nächsten Tag wieder reinlaufen.
Diese Leute (die ich kenne) legen ihren Fokus auf die Freizeit. Arbeit ist für sie nur ein Mittel zum Zweck nach dem Motto "Arbeiten, um zu leben" und nicht umgekehrt. Mit Resignation im Job hat das nicht das Geringste zu tun.

Ob man sich diese Einstellung aber (vorübergehend) antrainieren kann, weiß ich nicht. Vor allem, wenn man zuvor voll im Job aufgegangen ist. Bei den mir bekannten Leuten ist das eine Überzeugung, die sie so schon immer so gelebt haben und nicht irgendwann "aus der Not heraus" angewöhnten.

Weiterhin Alles Gute für dich!

LG
ZeroOne

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