Wie ich mein Kartenhaus zum Einsturz brachte

Leide ich wirklich unter einem BurnOut-Syndrom? Wer sich nicht sicher ist, kann hier Meinungen einholen.
Elementar
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Wie ich mein Kartenhaus zum Einsturz brachte

Ungelesener Beitrag von Elementar » Fr 11. Jan 2019, 18:55

Hallo liebe Foristen,

der Text ist nun doch länger geworden als geplant, nur musste ich mir einfach mal von der Seele schreiben, wie es gerade aussieht - wie ich von einstmals engagiert und sportlich zum Lebensverwalter wurde, der für alle Aktivitäten zu müde ist.

Vielleicht liest ja jemand bis zum Ende und mag mir Hinweise oder seine Meinung geben.

Zur Einordnung ich bin Ingenieur mit 11 Jahren Berufserfahrung, seit 3 Jahren Führungskraft, seit 1,5 Jahre im aktuellen Betrieb und auf einer befristeten Stelle, die in einigen Monaten wahrscheinlich endet. Ein Gespräch vor Weihnachten mit meinem Chef ergab, dass eine Weiterbeschäftigung aufgrund meiner Leistung in den letzten 1,5 Jahren nicht sicher ist. Ein Schlag ins Gesicht, habe ich mich doch früher auf jeder Stelle profilieren können.

Ich hatte nie "den" Zusammenbruch, vielmehr haben sich nach und nach einzelne Features meiner Persönlichkeit verabschiedet, die aus meiner Sicht zu dieser Situation geführt haben:

* im Frühjahr 2016 begann es, dass ich nach Arbeit deutlich antriebsloser, einfach müde war. Ich habe das auf die Arbeitsinhalte geschoben, dass diese mich einfach nicht mehr motivierten. Vielleicht war es aber auch das chaotische Umfeld, in dem kein Projekt zu Ende geführt wurde, weil gerade wieder ein anderes Projekt wichtiger war.

* Ende Mitte 2016-Anfang 2017: aufgrund einer Großserienumstellung in meiner Verantwortung wurde ich 9 Monate gefühlt durch den Fleischwolf gedreht. Wir mussten möglichst schnell mit den Wettbewerbern gleich ziehen. Lange Tage, "freiwillige" Samstagsarbeit, Kontrolle, Druck aus der gesamten Organisation (den ich von meinen Mitarbeitern fern halten wollte), ständiges checken von Mails am Wochenende... massive Schlafstörungen stellten sich ein, teilweise körperliche Symptome (Stechen in der Brust :shock: ). Ich hatte keinen Antrieb mehr für Feierabendaktivitäten, Freunde und den geliebten Radsport.

* MItte 2017 konnte ich in meinen jetzigen Betrieb wechseln, ich hoffte so, rechtzeitig die Notbremse gezogen zu haben. Im Übergang hatte ich 2,5 Wochen Urlaub, in denen ich in einer anstrengenden Mischung aus Rastlosigkeit und Wunsch nach Ruhe gefangen war. Den geplanten Radurlaub sagten wir damals ab, da ich mich dazu nicht in der Lage sah. Im Rückblick hätte ich hier schon eine längere Pause gebraucht. So ist seither jeder Urlaub - die ersten Tage springe ich hin und her, ich "muss" den Motor weiter drehen, Ruhe stellt sich kaum ein.

* Mir schien es zunächst, als würden die Symptome im neuen Job weniger. Nach ein paar Monaten war jedoch klar, dass es einfach nicht passt - grober Umgangston und das schlechteste Verhältnis, welches ich je zu einem Vorgesetzten hatte. Ich hatte Pest mit Cholera getauscht.

* Ende 2017: wieder Schlafstörungen und meine erste Panikattacke, Übelkeit und schwerer werdende Beine auf dem Radweg zur Arbeit. An einem Tag wusste ich, hätte ich mich auf eine Parkbank gesetzt, ich hätte nur noch geheult und wäre nicht mehr zur Arbeit gegangen. Aber das Pflichtbewusstsein war noch stärker. Vom Arzt gab's Tabletten und den Hinweis, dass es ohne Pause nicht geht, da ich aber gerade erst im neuen Job war und einen befristeten Vertrag hatte, entschied ich mich gegen die Pause - abermals.

* Was dann nach und nach in 2018 passierte:
**die Nächte sind weiterhin kurz - seit etwa einem Jahr beträgt meine nächtliche Schlafdauer in ca. 90% der Fälle lediglich 6h, mir reicht es einfach nicht. Entweder schlafe ich nicht ein, oder ich wache viel zu früh auf. Und wo sind meine Gedanken dann? Bei der Arbeit.

** In der Folge stellte sich eine nachlassende Konzentrationsfähigkeit ein, erst vergaß ich "unwichtige" Dinge. Meine Aufgabenorganisation ist deutlich schlechter geworden, ich vergesse meine Aufgaben von einem Moment zum Nächsten, kann zwar Prioritäten setzen, springe aber zwischen den Aufgaben hin und her. Mir kommt es manchmal vor, als würde mein Kopf vor "zu viel" platzen oder ich bin einfach rastlos/unruhig, mache dies, mache das. Dann wiederum gibt es Phasen, in denen ich nur auf den Monitor starre und nicht weiß, was ich machen soll und eine so Abgrundtiefe Unlust empfinde.
Vorträgen, Diskussionen, Fachgesprächen kann ich kaum noch folgen, meine Gedanken driften permanent ab, dahin, was sonst noch alles zu erledigen ist. Diese Woche habe 4 Stunden gebraucht (!) um 5 Seiten Text zu lesen, da ich kaum den Inhalt eines Satzes erfassen oder mir merken konnte.

** Im vergangenen Sommer reduzierte ich den Kontakt zu meinen Mitarbeitern merklich, mir war der Umgang mit ihnen einfach zu viel. Keine gute Eigenschaft für eine Führungskraft. Ich verwalte nur noch auf niedrigem Niveau. Selbst die Mittagspause verbringe ich lieber alleine bei einem Spaziergang, da mir die frische Luft momentan wichtiger ist.

** Erstmals in meinem Berufsleben habe ich den Eindruck, dass ich wirklich schlechte Arbeit leiste, mein Geld nicht wert bin. Was sich auch in dem eingangs geschilderten Gespräch bzgl. meines Vertrages spiegelt. Früher war mein Selbstbild, dass ich solide, zuverlässige Arbeit abliefere, innovative Ideen habe und meinen Mitarbeitern und Kollegen einen verlässlicher Partner bin.

** Freunde, Sport, Aktivitäten mit meiner Partnerin? Zu anstrengend nach der Arbeit - außerdem bin ich zu anstrengend, weil ich nur noch über meine Jobsituation meckere und aufgrund der Antriebslosigkeit nach der Arbeit nichts mehr gebacken kriege, was erzählenswert wäre. Lieber verkrieche ich mich zu Hause, irgendwo ist auch ein wenig Angst dabei, raus zu gehen und neue Dinge zu probieren.

** Meine Arbeit erscheint mir einfach so unglaublich sinnlos.

** Viele andere kleine oder große Dinge, die diesen langen Text weiter verlängern würden (Puls, Blutdruck, gelegentliche Geräuschempfindlichkeit, Stimmungsschwankungen (genervt, aggressiv, traurig)).

Ich fühle mich, als wäre ich in einer Sackgasse:
Auf der einen Seite habe ich Hemmungen, zum Arzt zu gehen und am liebsten 6+ Wochen krank geschrieben zu werden. Ich habe das Gefühl, dadurch meine Abteilung im Stich zu lassen und das mir dies vom Arbeitgeber als "Flucht/kein Bock" ausgelegt wird, da ich weiß, dass es mit der Verlängerung nicht so gut aussieht. Mein Heimatort und die berufliche Community sind zu klein, so dass mir ein guter Leumund weiterhin wichtig ist. Auf ein verständnisvolles Gespräch mit meinem Chef brauche ich nicht hoffen, da kein Vertrauensverhältnis besteht und seine Meinung zu Stress etwas aus der Zeit gefallen ist.

Andererseits nähert sich meine Energiekurve nach einem starken Abfall im letzten Jahr langsam dem Nullpunkt, ich überstehe die einzelnen Tage - nur wird es von Woche zu Woche anstrengender. Wenn ich in diesem Zustand woanders anfange, wieder kopflos, antriebslos und planlos agiere wie zuletzt, dann wird das auf Dauer auch nicht funktionieren und was dann? Vielleicht wünsche ich mir aber auch insgeheim, dass es so kommt, da ich dann nochmal ganz von vorne anfangen, frei aufschlagen könnte (mit Ende 30 :shock:).

Momentan ist mein Plan, bis Mitte Februar noch ein paar "wichtige" Dinge auf der Arbeit zu erledigen und dann eine 2-4 wöchige Krankschreibung anzustreben - ich spüre aber schon beim Gedanken daran, dass es wohl nur beim Plan bleibt und ich wieder nicht über meinen Schatten springe. Denn es geht ja noch, schließlich kann ich mich jeden morgen aufraffen.

Ein schönes Wochenende wünscht
Andreas

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ZeroOne
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Re: Wie ich mein Kartenhaus zum Einsturz brachte

Ungelesener Beitrag von ZeroOne » So 13. Jan 2019, 12:41

Hi Elementar!

Willkommen im Forum und erstmal großes Lob, denn ich finde, dass du sehr reflektiert bist und es klingt so, als konntest du bereits für viele deiner Schwierigkeiten die Ursachen klar definieren und auch scheinst du schon den für dich richtigen Weg gefunden zu haben, auch wenn du den zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht so richtig einschlagen kannst/willst/möchtest.

Als Außenstehender wirkt deine Beschreibung auf mich, als würden deine Chancen auf eine Verlängerung des Arbeitsverhältnisses in einigen Monaten sowieso gegen Null gehen. Auch macht deine Beschreibung den Eindruck auf mich, dass dieser Arbeitgeber für dich nichts für die Ewigkeit ist - unabhängig von deinen gesundheitlichen Problemen.

Insofern wäre vielleicht doch zu überlegen, ob eine Krankschreibung - evtl. kombiniert mit einem sinnvollen, mehrwöchigen (tages-)klinischen Aufenthalt - dir nicht sehr viel bringen könnte? Und für diesen Arbeitgeber scheint sich ein Kampf bis zum letzten Tag eines sowieso befristeten Arbeitsverhältnisses (guter Leumund hin oder her) gesundheitlich als auch karrieretechnisch für dich nicht auszuzahlen.

Und mit Ende 30 nochmals neu (vor allem fit und gesund!) durchzustarten, sollte auch kein Problem sein, insbesondere bei deinem Berufsbild.

Ein neues Arbeitsverhältnis findet sich i.d.R. leichter zum Ende eines (befristeten) Vertrags, als wenn man eine Lücke wegen Arbeitslosigkeit/Krankheit argumentieren muss. Das ist aber nur meine persönliche Meinung...

Vielleicht lässt du dich mal ganz unverbindlich von einem Facharzt dies bzgl. beraten?

LG
ZeroOne

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Re: Wie ich mein Kartenhaus zum Einsturz brachte

Ungelesener Beitrag von JayPee » Mi 16. Jan 2019, 10:50

Hallo!
Elementar hat geschrieben:
Fr 11. Jan 2019, 18:55
[...] An einem Tag wusste ich, hätte ich mich auf eine Parkbank gesetzt, ich hätte nur noch geheult und wäre nicht mehr zur Arbeit gegangen.

[...] Mir kommt es manchmal vor, als würde mein Kopf vor "zu viel" platzen oder ich bin einfach rastlos/unruhig, mache dies, mache das. Dann wiederum gibt es Phasen, in denen ich nur auf den Monitor starre und nicht weiß, was ich machen soll und eine so Abgrundtiefe Unlust empfinde.
Vorträgen, Diskussionen, Fachgesprächen kann ich kaum noch folgen, meine Gedanken driften permanent ab, dahin, was sonst noch alles zu erledigen ist.

[...]
Ich verwalte nur noch auf niedrigem Niveau. Selbst die Mittagspause verbringe ich lieber alleine bei einem Spaziergang, da mir die frische Luft momentan wichtiger ist.

Erstmals in meinem Berufsleben habe ich den Eindruck, dass ich wirklich schlechte Arbeit leiste, mein Geld nicht wert bin.

[...]
Freunde, Sport, Aktivitäten mit meiner Partnerin? Zu anstrengend nach der Arbeit - außerdem bin ich zu anstrengend, weil ich nur noch über meine Jobsituation meckere und aufgrund der Antriebslosigkeit nach der Arbeit nichts mehr gebacken kriege, was erzählenswert wäre.

[...]
Meine Arbeit erscheint mir einfach so unglaublich sinnlos.
Diese Passagen könnten 1:1 von mir stammen. Irgendwann ging es nicht mehr, und ich habe mich ähnlich wie von dir geplant "aus dem Verkehr ziehen lassen". Eigentlich dachte ich, eine ordentliche Auszeit, während der ich mit Hilfe von Therapeuten ein paar Techniken lerne, ein wenig an mir arbeite - und dann geht es wieder los. So dachte ich. Die Lektionen, die ich bisher gelernt habe:

1. Die Auszeit braucht Zeit. Das war so ziemlich das Erste, was mir mein Therapeut sagte. Also nix mit ein wenig Selbstoptimierung und nach 3 Wochen geht es geplant weiter. Frag mich nicht, was ich in den Monaten gemacht habe. Ich war Anfangs so platt, dass 2-3 simple Arzttermine in der Woche Streß bereiteten. Kling lächerlich, war aber so. Habe immer nur 2 Wochen AU bekommen, da kam natürlich alle 2 Wochen vom AG die Nachfrage, wann und wie es weitergeht. Auch ich hatte anfangs Bedenken, mir die Zeit zu "gönnen". Aber das ging schnell vorüber. Also: Du brauchst Zeit, und das kann man man kaum beschleunigen.

2. Sehr wichtig besonders in der Rehe war für mich die Erfahrung, dass es vielen genauso geht wir mir.

3. Beim Burnout im Job gibt es immer (mindestens) zwei Seiten: Die eigene Persönlichkeit und das Arbeitsumfeld. Eventuell noch mit Familie/Umfeld ein weiterer Bereich.

4. Meine Arbeitsauffassung war ein Teil des Problems. Einerseits der eigene Anspruch, gute Arbeit abliefern zu wollen und ein gern gesehener Mitarbeiter/Kollege/Vorgesetzter zu sein. Das Ganze durchaus geboren aus geprägten Verhaltensweisen, nämlich zu funktionieren, produktiv zu sein und Wert darauf legen, was andere von einem denken.

5. Die Lösungsansätze bei der eigenen Persönlichkeit waren mir ohne jede Therapie von vornherein klar. Diese Ansätze in der Therapie nochmal zu erarbeiten war sicherlich nicht verkehrt. Herausforderung ist aber die praktische Umsetzung, und da war die Reha vorbei bzw. hätte auch nicht helfen können.

6. Hilf dir selbst. Bei aller Unterstützung, Therapie usw., am Ende kannst nur du etwas tun. Von vielen Unbeteiligten kannst du (wenn überhaupt) Toleranz erwarten.

7. Die bitterste Lektion: Ich habe gelernt, wo meine Baustellen sind. Ich habe mich dort weiterentwickelt und Fortschritte gemacht. Einen Großteil der Erkenntnisse aus der Therapie konnte ich umsetzen. All das nützt aber überhaupt nichts, wenn ein Großteil des Problems objektiv im Arbeitsumfeld liegt.

Wenn das bei dir der Fall ist, verstehe ich zwar deine Bedenken für deine weitere Berufslaufbahn. Versuche trotzdem, den aktuellen Job abzuhaken. Auch kann ich dir nur raten, die Auszeit wirklich zu nehmen...

Grüße
Jens

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Re: Wie ich mein Kartenhaus zum Einsturz brachte

Ungelesener Beitrag von LessonsLearned65 » Mi 16. Jan 2019, 12:06

Hallo elementar
Ich kann jaypee 100% zustimmen. Die Erfahrungen decken sich komplett mit meiner.
Das alles zu akzeptieren ist die eigentliche Arbeit an sich selbst. Dazu braucht es therapeutische Hilfe.
Es gibt einen Weg da raus.
Alles gute
LL65
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Re: Wie ich mein Kartenhaus zum Einsturz brachte

Ungelesener Beitrag von Elementar » Do 17. Jan 2019, 19:54

Hallo allerseits,

vielen Dank für Eure Rückmeldungen, Hinweise und Einschätzungen zu meiner beruflichen Situation.
Irgendwo in mir ist da ein Teil, der weiß, dass es keinen Sinn mehr ergibt, mit viel Aufwand am jetzigen Job festzuhalten.
Mit dem Loslassen kann ich mich aber auch noch nicht richtig anfreunden-

Das Schwierigste, wie auch von Euch angemerkt, scheint erstmal die Akzeptanz zu sein, dass etwas nicht stimmt.
Bei einem Beinbruch ist es einfacher - da, schau her, ist kaputt - mach Pause. Und diesen Gedanken habe ich für eine Erschöpfung noch nicht verinnerlicht.

Mein Plan ist jetzt, noch rund 3 Wochen durchzuhalten, Aufgaben abschließen und geplante Dienstreisen wahrzunehmen. Danach zum Hausarzt und meine Optionen durchsprechen.

Danke Euch, ihr hört bestimmt nochmals von mir!

Andreas

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