Nicht auf Verständnis anderer hoffen

... um gegen das BurnOut-Syndrom anzugehen.
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Blume71
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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von Blume71 » Do 10. Jan 2019, 11:11

Guten Morgen,

in meinem Bekanntenkreis ist jemand, der in naher Zukunft eine stationären Klinikaufenthalt hat aufgrund psych. Probleme - unter anderem Suizidgedanken.

In einer Gruppe von Leuten standen wir zusammen und es wurde darüber gesprochen. Man überlegte und sprach darüber, was Ursache für die Erkrankung sein könnte.

Unter anderem fiel der Satz: "Aber andere, schaffen das doch auch....." (als fam. Belastung als Ursache fiel)

Ich habe dann ruhig geantwortet, dass jeder Mensch eine andere Belastbarkeit habe und man auch nie weiß, welche Erfahrung in der Vergangenheit mit einspielt.

Im nachhinein betrachtet hat es mich jedoch wütend gemacht. Sicherlich hat derjenige diesen Satz gesagt, weil er sich nie mit diesem Thema beschäftigt hat, aber es wird klar, wie oftmals gedacht wird.
Evtl. ist es auch zu viel verlangt, von einem 30- jährigen Menschen, der nie Berührungspunkte mit solch einer Krankheit hatte, dass er sich damit auskennt.

Ich finde, Aufklärung tut noch dermaßen Not, in den Köpfen hat sich schon einiges bewegt, aber es ist trotzdem noch ein weiter Weg.

Als es zB. um das Thema ging, dass der Betroffene kein Einzelzimmer habe, sagte jemand, da muss man ja Angst haben, dass der Bettnachbar mit einem Messer über Dich herfällt - das wäre mir nichts.

Ich habe diesen Menschen zurecht gewiesen, aber merkte auch, dass ich gegen eine Mauer lief.

Das Thema wurde dann auch ganz schnell wieder gewechselt.

Gut - ich könnte jetzt auch denken, diese Menschen denken so und es ist eben so, aber ich merke doch, dass ich mich nicht abgrenzen kann und es mich ärgert.

Ich fühle mich stigmatisiert bzw. ich lasse mich stigmatisieren - da muss ich wohl ansetzen. Da ist man einerseits krank und muss sich auch noch rechtfertigen! Ich bin da empfindlich.

In den wenigsten Köpfen scheinen psychische Erkrankungen als Krankheiten tatsächlich angesehen zu werden, sondern als trage man eine Mitschuld, bzw man müsse sich ja nur anders verhalten oder anders denken. Ich finde das schlimm.

Das Thema wurde ja schon in o. g. Beträgen ausführlich besprochen, aber ich hatte trotzdem das Bedürfnis, o. g. Begebenheit noch einmal mitzuteilen!

Allen einen schönen Tag!
Lass es doch einfach mal laufen.....das Leben!

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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von Samson » Do 10. Jan 2019, 14:45

Ich finde, Du hast bei der Unterhaltung gut reagiert. Die Aufklärung und Erklären sind das A und O, finde ich, auch wenn man sich insgeheim ärgert. Irgendwann wird es ganz normal sein, über so etwas zu sprechen.

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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von ZeroOne » Do 10. Jan 2019, 14:47

Hi Blume71!
Blume71 hat geschrieben:
Do 10. Jan 2019, 11:11
Das Thema wurde ja schon in o. g. Beträgen ausführlich besprochen, aber ich hatte trotzdem das Bedürfnis, o. g. Begebenheit noch einmal mitzuteilen!
Das finde ich auch prima so! *daumenhoch*

Man kann das Thema gar nicht oft genug angesprechen - vor allem gegenüber Menschen, die ihren "unqualifizierten Senf" dazu abgeben müssen.

Mir ist neulich auch fast wieder die Hutschnur gerissen, als mir jemand sagte (allerdings "älteren Semesters"), dass die aktuellen Generationen einfach viel zu verwöhnt und weinerlich geworden seien. Mal solle doch nur mal an die ganzen "Trümmerfrauen" nach dem Zweiten Weltkrieg denken, die als Witwen und Alleinerziehende das ganze Land wieder Stein für Stein aufgebaut und nebenbei noch wohlerzogene Kinder hervorgebracht hätten - von denen hätte auch keine gejammert und geklagt. Wir würden alle unter der "Wohlstandskrankheit" leiden... uns ginge es viel zu gut, daher hätten wir auch die Zeit, Kleinigkeiten zu psychischen Dramas aufzublähen...

Was will man dazu sagen...

LG
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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von Theresia » Do 10. Jan 2019, 14:51

Unglaublich.

Wie kann man solche Dinge oder Gegebenheiten miteinander vergleichen...Äpfel und Birnen :roll:
Schieb nicht die Wolken von morgen über die Sonne von heute

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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von ZeroOne » Do 10. Jan 2019, 15:04

Hi Samson!
Samson hat geschrieben:
Do 10. Jan 2019, 14:45
Irgendwann wird es ganz normal sein, über so etwas zu sprechen.
Liegt vielleicht auch ein wenig an der spießigen, typisch deutschen "Stock-im-Ar***-Mentalität"...?!? War es nicht schon in den 80ern (oder noch früher?) z.B. in den USA so, dass jeder, der es sich irgendwie leisten konnte, einen wöchentlichen Termin bei seinem Therapeuten hatte, egal ob psychische Probleme, oder nicht... Wenn man das nicht gemacht hatte, war man "out"!

Ich war in den 90ern zu Ausbildungszwecken in den USA. Dort wurde ich bei der Eingangsuntersuchung vom Doc gefragt, ob ich regelmäßig zum Psychiater gehe. Ich hab wohl geschaut, wie vom Blitz getroffen und hab ihm ein deutliches "NEIN!" an den Kopf geknallt. Daraufhin hat er mich ganz entgeistert angeschaut und meinte, dass er das auf jeden Fall all seinen Kunden empfielt, da dass das A und O für eine gesunde, psychische Weiterentwicklung sei...

Andere Länder, andere Sitten...

Und heute - 30 Jahre später! - wirst du in "good old Germany" immer noch schief angeschaut und wie ein Lepra-Kranker behandelt, wenn jemand mitbekommt, dass du Psychotherapie machst...

LG
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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von jedi » Do 10. Jan 2019, 18:25

Hallo Zusammen !
Blume71 hat geschrieben:
Do 10. Jan 2019, 11:11
Das Thema wurde ja schon in o. g. Beträgen ausführlich besprochen,
aber Blume, was du hier berichtet hast, dass passt genau zu diesem thread !!!!
ZeroOne hat geschrieben:
Do 10. Jan 2019, 14:47
Man kann das Thema gar nicht oft genug angesprechen
damit hat ZeroOne waise worte hier geschrieben *daumenhoch*

was glaubt ihr denn u. was sind möglicherweise eure eigenen schon gemachten erfahrungen damit, wie viele menschen wohl ihre psychischen probleme bestens vor anderen verbergen ??
natürlich ist nicht jede psychische befindlichkeit, gleich als krankheit mit krankheitswert zu beurteilen.
da gibt es unterschiede zu machen.
doch sobald das leben, in irgendeiner weise gestört wird, reicht es auch schon aus, um auch bei leichteren psychischen befindlichkeiten, mal den PT aufzusuchen.
es braucht dann sicherlich nicht die stundenzahl, wie bei einem depressiv- betroffenen, aber die wenigen therapiegespräche können, was aus der balance geraten ist, wieder in balance gebracht werden.
Blume71 hat geschrieben:
Do 10. Jan 2019, 11:11
Ich fühle mich stigmatisiert
doch dieses gefühl, stigmatisiert zu sein, erschaffen wir am häufigsten selbst in uns.
von außen betrachtet, steht für psychisch krank, oftmals gleich irre :shock: .
oder für Depression/BO steht, "der hat es nicht geschafft, der ist zu schwach für diese welt, der ist nicht belastungsfähig, weichei oder männer werden als mädchen betitelt".

doch wir wissen auch, was sich im zwischenmenschlichen bereich manchmal für abgründe auftun.
beziehungen geraten aus den fugen, der arbeitsplatz ist bei so manchen zur hölle geworden (Mobbing usw.), der freundeskreis löst sich plötzlich unaufklärlich auf, gewalt physisch od. psychisch gegen frauen u. männer, gewalt physisch od. psychisch gegen kinder, von missbrauch brauchen wir hier erst gar nicht zu reden u. die liste könnte noch viel länger sein.
die zahl der suizide steigt weiter an u. die KK stöhnen über die langzeit erkrankungen wegen erschöpfung.
auch die frühverrentung steigt weiter an, weil eine rückkehr ins arbeitsleben, für viele erkrankte nicht mehr möglich ist.

da brauchen wir uns wirklich nicht von irgendeinem jetzt nochvermeintlich gesunden menschen, stigmatisieren zu lassen.
ic bin auch überzeugt davon, dass die menschen, die neu psychisch erkranken, damit auch eine andere einstellung u. meinung verbreiten werden.

ich erinner mich gut an meine reha u. was für menschen ich dort begegnet bin. der aller größte teil dieser mitpatienten hatten eine sehr gute schulbildung u. waren lange zeit in ihrem leben, ob privat oder beruflich sehr erfolgreich.
es waren keine loser, schlappis oder nichtskönner, sondern ganz im gegenteil.

also lassen wir uns betroffene von außen nichts einreden u. schuldgefühle machen !!

LG jedi

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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von Blume71 » Do 10. Jan 2019, 18:44

Danke Euch allen - ich fühle mich verstanden - und bin ein weiteres mal dankbar, dass es dieses wertvolle Forum gibt!
Lass es doch einfach mal laufen.....das Leben!

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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von Samson » Fr 11. Jan 2019, 20:26

Ich greife die USA da nochmal auf. Es gab so viele Jahre Probleme für Veteranen. Man erkannte nicht, welche Traumata es da zu bewältigen hab. Heute werden sie alle hoch geschätzt. Das war ein langer und schwerer Prozess. Wir haben schon viel geschafft und bald wird man einsehen müssen, dass Stress krank macht, auch seelisch. Und für den Stress sind viele Faktoren zuständig. Keiner ist davor sicher. Und Stand, Bildung oder Geschlecht sind dabei werder Risikofaktoren noch schützen sie. Das wurde hier gut erkannt.

Sorry, vom Handy aus muss es immer ein wenig kürzer sein. *heilig*

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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von jedi » Fr 11. Jan 2019, 21:03

Hallo !
Samson hat geschrieben:
Fr 11. Jan 2019, 20:26
Es gab so viele Jahre Probleme für Veteranen
stimmt Samson, dieses thema hat in den USA großes leid mit sich gebracht.
Samson hat geschrieben:
Fr 11. Jan 2019, 20:26
Man erkannte nicht, welche Traumata es da zu bewältigen hab.
das ist heute, gott sei dank anders !
da hat sich in der traumatherapie, bei der hilfe von PTBS u. PTBR, doch einiges getan.
eine nicht minder hohe prozentzahl von deutschen soldaten, die aus Afghanistan kommen, brauchen therapeutische hilfe u. nicht wenige, finden trotz guter trauma-therapeutischer begleitung, nicht mehr richtig in ein alltagsleben zurück.

schlimm war davon zu lesen u. auch von betroffenen soldaten des zweiten weltkriegs erzählt zu bekommen, wie die soldaten aus der kriegserfahrung, einer gefangenschaft oder auf dem langen fluchtweg, wieder nach hause kamen, zu ihren ehefrauen, kindern oder eltern u. geschwister u. was diese erlebnisse u. erfahrungen mit ihnen gemacht haben.
gewalt gegen ihre frauen u. kinder, suchtprobleme, völlige desozialisierung, keine arbeit, entfremdung, usw.
da gab es keine hilfe für diese soldaten u. hat trotz endlich kriegsende, dann noch weiter für sehr viel familien, für großes leid gesorgt.

LG jedi

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Re: Nicht auf Verständnis anderer hoffen

Ungelesener Beitrag von Wallis » Fr 11. Jan 2019, 21:13

jedi hat geschrieben:
Fr 11. Jan 2019, 21:03
schlimm war davon zu lesen u. auch von betroffenen soldaten des zweiten weltkriegs erzählt zu bekommen, wie die soldaten aus der kriegserfahrung, einer gefangenschaft oder auf dem langen fluchtweg, wieder nach hause kamen, zu ihren ehefrauen, kindern oder eltern u. geschwister u. was diese erlebnisse u. erfahrungen mit ihnen gemacht haben.
gewalt gegen ihre frauen u. kinder, suchtprobleme, völlige desozialisierung, keine arbeit, entfremdung, usw.
da gab es keine hilfe für diese soldaten u. hat trotz endlich kriegsende, dann noch weiter für sehr viel familien, für großes leid gesorgt.
für noch viel mehr leid haben die Untaten dieser Soldaten gesorgt. Mein Mitleid für Nazis hält sich in Grenzen.

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