Burnout knapp verpasst aber dafür Ehekrise

... wie Aggressivität, Isolation, Angststörungen, Ticks, Depressive Verstimmung, Emotionslosigkeit, Borderline ...
Mahjong
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Burnout knapp verpasst aber dafür Ehekrise

Ungelesener Beitrag von Mahjong » So 23. Dez 2018, 21:45

Servus Miteinander,

wo fange ich an? Erstmal Dank und Lob fürs Forum und all seinen Teilnehmern. Viel habe ich mitgelesen und viel habe ich mitfühlen können.

Vielleicht fange ich da an, wo ich gerade im Moment stehe.

Im Herbst konnte ich endlich eine neue Arbeit finden, wo ich genau das gleiche mache, wie früher, wo ich fast untergegangen wäre.
Nur ohne Stress, mit pünktlichen Arbeitszeiten, für das selbe Geld (Nur ohne Firmenwagen und Tankkarte).
Es war und ist ein Segen, ich wäre in meiner alten Branche untergegangen.

Meine Frau jedoch gibt mir seit dem ich mich beruflich aus dem Hamsterrad geschlichen habe, das Gefühl, dass ich ein Versager sei. Es sind immer diese kleinen Seitenhiebe ("Super, jetzt haben wir nur noch das kleine Auto, verdien endlich mal mehr", "Wie soll das in der Zukunft ablaufen, wenn du deine Karriere wegwirfst?!", etc.).

Ich habe manchmal, wenn alle geschlafen haben, bitterlichst geweint. Ein gestandener Mann Mitte 30. Das letzte Mal ging es mir nur so, als ich ein Jugendlicher war und meine Eltern sich getrennt haben.

Wir sind schon bald über dreizehn Jahre zusammen, meine Frau hat mich als Anfangzwanziger kennengelernt, eigentlich genau das Gegenteil von einem beruflichen Aufsteiger. Mir war damals echt alles total wurscht, ich wohnte in einer winzigsten Einzimmerwohnung mit geschenkten und alten Möbeln, fuhr einen total fertigen Auto, konnte mir wirklich nichts leisten. Für Münchner Verhältnisse eher ein beruflicher Versager als ein Gewinner. Meine Frau stammt auch nicht wirklich aus den besten Verhältnissen, ich ebenfalls nicht.

Zusammen haben wir angefangen, alle Chancen zu nutzen und wirklich aus allem irgendwas zu machen. Dafür, haben wir es wirklich weit gebracht. Da bin ich schon etwas Stolz drauf, da es uns wirklich besser geht, als unsere Eltern es je geschafft hätten.

Aber ich muss hier sagen, dass ich es in den letzten sechs Jahren einfach beruflich übertrieben habe. Ich wurde fast süchtig nach Arbeit, anfangs wars toll und geil. Diese Anerkennung von allen Seiten, diese Möglichkeiten, ich rannte wie ein Irrer auf einem Laufband hinter einer Karotte her. Das Motto lautete:"Nur noch der Himmel ist die Grenze und nicht mal der wird mich aufhalten".

Leute, am Ende wars doch "The cake is a lie" und vor allem: Der Himmel ist nicht deine Grenze. Dein Körper und dein Geist ist deine Grenze.

Wäre ich weiterhin in meiner alten Branche geblieben, wäre ich demnächst zu Grunde gegangen - es war nur noch eine Frage der Zeit. Früher, da bin ich in aller Herrgottsfrüh in die Firma gegangen und kam ewig spät heim. Daheim teilweise ging es weiter, weil in der Firma nichts lief, manchmal hing ich bis wieder Mitternacht am Laptop und hatte zwei Telefone am Laufen bis es wieder ging.
Aber, da hatte ich noch einen guten obere Mittelklasse Firmenwagen mit Tankkarte (unbegrenzte Nutzung) und meine Frau war sehr stolz immer, meine berufliche Stellung zu betonen und wie fleißig ich doch sei.

Kehrseite: Ich habe irgendwann innerlich gekündigt, war total fertig, wollte eigentlich nur noch aus dem Büro flüchten, am liebsten nur noch schlafen, nix hat mich mehr interessiert - beruflich wie privat. Daheim habe ich nix mehr zusammengebracht (Alltägliches blieb sowieso nur noch liegen, bzw. an meiner Frau kleben), meine ganzen Hobbies waren nur noch eine Erinnerung an alte Zeiten. Meine alten Freunde kannten mich kaum noch, ich wollte auch noch kaum was von ihnen wissen. Selbst die kleinste Winzigkeit, die nicht funktioniert hat, hat mich in Rage gebracht - ich wurde extrem jähzornig, hatte eine kurze Zündschnur.

Was erzähle ich euch, ihr kennt das.

Seit diesem Frühjahr gehe ich zwei Mal im Monat zu meiner Therapeutin. Dort stellte sie dann auch die Diagnose "Erschöpfungsdepression" fest, mit der ich wiederum mich bestätigt gefühlt habe, unbedingt etwas an meiner Situation zu ändern.

Ich habe extra geschaut, dass ich eben durch einen beruflichen Wechsel das selbe Gehalt mit nach Hause bringe, aber bei bedeutend weniger Arbeitseinsatz wie früher. Das Kunststück ist mir auch gelungen, vor allem, weil mir meine Frau besonders seit der Geburt unseres Kindes mir oft und permanent in den Ohren lag. Nur eben ohne Firmenwagen und Tankkarte. Da bin ich besonders stolz darauf, dass ich hier irgendwie den Durchbruch geschafft habe.

Allmählich fange ich auch an, wieder die Freuden am Leben zu entdecken, aber das dauert. Es ist jetzt nicht so, dass ich nur Däumchen drehe im Büro, es ist schon richtige Arbeit, aber nicht mehr so, wie früher. Es ist jetzt eben normaler Stress, kein abnormales Laufen im Hamsterrad.

Aber ich fühle mich nach wie vor für Daheim einfach noch zu schwach, bzw. weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich habe zum ersten Mal wieder den Kopf frei für meinen Sohn, den ich früher nur am Wochenende richtig wahrgenommen habe. Aber meiner Frau geht das nicht schnell genug, sie meint, da ich jetzt weniger Hektik im Berufsleben habe, da könnte ich ihr Daheim wieder Aufgaben abnehmen.

Sie sagte, dass Sie solang ich so Gas gegeben habe, Verständnis hatte und daher nichts sagte. Aber wenn ich eben - aus ihrer Sicht - meine Karriere "wegwerfe", dann muss ich Daheim auch mehr machen.

Da fühlt man sich irgendwie um seinen "Sieg" betrogen.

Ich habe soweit hingearbeitet, dass sie nicht Vollzeit oder in Teilzeit arbeiten muss trotz Kind daheim. Sie kann Daheim bleiben, andere Eltern müssen ihr Kind Vollzeit in eine Krippe oder zu Verwandten geben. Klar, Reich sind wir deswegen auch nicht, aber wir müssen nicht wie früher vor zehn Jahren jeden Cent dreimal umdrehen.

Ich möchte mich gerne einbringen daheim, aber dafür fehlt mir noch die Kraft. Ich fühl mich einfach total enttäuscht und irgendwie "kastriert", weil ich jetzt als ein Versager angesehen werde.

Ich muss mich jetzt gerade noch die Contenance bewahren, dass ich jetzt nicht zum Weinen anfange vor lauter Enttäuschung.

Jedes Mal, wenn wir zu Freunden fahren, kommt es immer wieder auf dem Weg zu den Freunden:"...früher hatten wir mal einen richtigen Familienwagen, jetzt nur noch das kleine Auto.".

Es hat mich richtig verletzt, als sie mal vor Verwandten sagte, dass ich doch endlich anfangen soll, wieder mehr Geld zu verdienen.
Sie schämte sich richtig, als ich den Leuten allen sagte, dass ich jetzt aus dem Hamsterrad aussteige.

Sie will es einfach nicht verstehen, dass ich einfach meine Zeit brauche (und ich habe oft genug mit ihr bereits darüber gesprochen), um wieder zu mir zu finden.

Ich weiß gar nicht mal wirklich meinen richtigen Platz daheim, bzw. fühle mich daheim nicht sehr wohl. Ich habe keinen richtigen Platz für mich außer dem Klo.

Freuen tu ich mich aber richtig, wenn ich heim komme und mein Kind und die Hunde mich begrüßen. Das sind die Momente, wo ich weiß, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Da ich ja dieses Jahr intensiv um eine neue Arbeit bemüht habe, hatte ich sogar eine Zusage eines großen Unternehmens. Da wäre ich beruflich aufgestiegen, aber mit den ganzen Nachteilen (noch mehr Arbeit, noch mehr Stress, etc.) und ich wusste, da wäre ich irgendwann zusammengeklappt mit allen Konsequenzen. Sie war schon enttäuscht, dass ich das Angebot abgelehnt habe. Ich sagte ihr, dass dann Familienleben und Berufsleben so nicht funktioniert hätte.

Es schmerzt halt wirklich richtig, immer und immer wieder als ein Versager dargestellt zu werden. Jetzt kriselts halt - kennt ihr sowas?

OT: Sorry für den langen Post. Ich musste mich mal "auskotzen".

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Re: Burnout knapp verpasst aber dafür Ehekrise

Ungelesener Beitrag von Blume71 » So 23. Dez 2018, 22:45

Hallo Mahjong,

herzlich Willkommen, toll dass Du Dich angemeldet hast.

Ich möchte Dir ein großes Lob aussprechen , was Du bisher alles geschafft hast. Einen neuen weniger belastenderen Job gefunden und das Leben so gestaltet, dass es Dir langsam wieder besser geht. Du wirkst sehr reflektiert auf mich.

Schade, dass Deine Frau diesen Weg nicht mit Dir gemeinsam zu gehen scheint. Es wirkt so auf mich, als habe sie gar nicht verstanden, dass Überlastung ein grosse Rolle bei einem BO spielt. Ich kann aber nicht einschätzen inwieweit sie sich informiert hat (bzw möchte), was ein BO überhaupt ist. Es klingt für mich, dass sie es gar nicht wissen möchte. Aber mein Eindruck kann auch täuschen.

Für Nichtbetroffene ist es aber auch sehr schwer nachzuvollziehen, was bei einem BO gerade passiert.

Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, dass Deine Frau mal mit zu Deinem Therapiegespräch geht.

Eine eigene Erfahrung kann ich leider nicht mit Dir teilen, da ich bei meinem BO alleinstehend war, aber vielleicht meldet sich noch jemand, mit einer Antwort.

Alles Gute Blume
Lass es doch einfach mal laufen.....das Leben!

Mahjong
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Re: Burnout knapp verpasst aber dafür Ehekrise

Ungelesener Beitrag von Mahjong » Mo 24. Dez 2018, 07:23

Danke für deine Worte Blume, es ist so, dass meine Frau das mit dem BO nicht wirklich so nachvollziehen kann, bzw. Verständnis dafür hat.

Mir war es sehr wichtig, rechtzeitig die Reißleine gezogen zu haben, bevor alles richtig den Bach runter geht.

Das Thema BO kam erst so richtig zum Vorschein, als unser Kind zur Welt kam, bzw. während der Schwangerschaft.

Meine Frau hatte sehr starke Hyperemesis Gravedarum und die Schwangerschaft war die Hölle.
Auch für mich als Angehöriger, denn bei HG ist deine Partnerin nur noch am Übergeben und öfters im Krankenhaus als daheim.

Als dann im Herbst, als das Kind schon auf der Welt war, da fing es richtig an mit den Erscheinungen von BO.

Wenn ich so darüber nachdenke, ich war ein komplett anderer Mensch als früher.
Jähzornig, zu nichts Lust, alles war zu viel (selbst Einkaufen gehen).

Kurz, bevor ich meinen neuen Job angefangen habe, waren wir im Urlaub und da ist's es mir so richtig geschossen:

Du bist sowas von kurz vorm Ende.

Wirklich, nichts hat mich interessiert (und ich war - und werde es wieder - ein sehr vielseitig interessierter und neugieriger Mensch), alles war so richtig Sch...e.
Die Welt hätte untergehen können und ich hätte Applaus geklatscht.

Wenn mein Kind und meine Frau nicht wären, die Gedanken sich mit dem Auto vollgas um dem Baum zu wickeln waren schon da.

Ich denke, deswegen schmerzt es auch so, als ein Versager angesehen zu werden, obwohl man sich eher als Gewinner sich fühlt.

Die Vorgaben, dass es uns finanziell annähernd gleich gut gehen soll, bei gleichzeitiger geringerer beruflichen Belastung war echt nicht leicht zu finden und war mehr Glück als Verstand.

Was bringt einem der größte berufliche Erfolg, wenn man sich selbst geopfert hat und am Ende als Konsequenz alle mit in den Abgrund reißt.

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Re: Burnout knapp verpasst aber dafür Ehekrise

Ungelesener Beitrag von ketchupbaby » Mi 26. Dez 2018, 22:47

Wäre es vielleicht möglich das deine Frau selbst etwas überfordert ist?
Das die Andeutungen von ihr du sollst mehr helfen eine Art Hilferuf ihrer seits sind?

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Re: Burnout knapp verpasst aber dafür Ehekrise

Ungelesener Beitrag von ZeroOne » Do 27. Dez 2018, 15:58

Hi Mahjong,

ich habe deine Beiträge aufmerksam gelesen und bei diesem Satz ist mir echt das Gesicht stehengeblieben:
Mahjong hat geschrieben:
So 23. Dez 2018, 21:45
Es hat mich richtig verletzt, als sie mal vor Verwandten sagte, dass ich doch endlich anfangen soll, wieder mehr Geld zu verdienen.
Ich denke, dass man sich sowas nicht gefallen lassen muss - egal, von wem. Du schreibst, dass deine Frau auch nicht aus dem besten Hause kam. Dann müsste sie ja wissen, wie man auch mit weniger Luxus, wie Firmenwagen und Tankkarte klarkommen kann. Wenn ihr das Geld nicht ausreicht, das du verdienst, kann auch sie das über einen Job regulieren.

Bei einer solchen Aussage würde ich mich fragen, ob sie mich oder mein Geld liebt?

Du hast mein Mitgefühl!

LG
ZeroOne

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