"...du mußt jetzt stark und für ihn da sein"...

... in Bezug auf den Umgang mit BurnOut-Betroffenen, deren Gefühlswelt oder sonstige Themen ...
wirreshuhn
Jungspund
Jungspund
Beiträge: 17
Registriert: Mo 3. Jul 2017, 17:47

"...du mußt jetzt stark und für ihn da sein"...

Ungelesener Beitrag von wirreshuhn » Mi 9. Jan 2019, 16:02

Im Nachbarthread hatte ich mir im Laufe des letzten halben Jahres einiges von der Seele geschrieben: Mein Lebenspartner ist seit Anfang Juli wegen Burnout krankgeschrieben, war zwischenzeitlich sieben Wochen in einer psychosomatischen Klinik und ist "eigentlich" seit Ende Dezember nicht mehr krankgeschrieben (seine Ärztin hat sich geweigert, eine weiter AU auszuschreiben).

Da der Arbeitgeber derzeit kein Projekt für ihn hat, feiert mein Partner derzeit noch Urlaub und Überstunden ab, ist also zu Hause und hofft, bald wieder arbeiten zu dürfen.
Von "arbeitsfähig" - vor allem für seine Einsatz-Wechseltätigkeit - ist er derzeit aus meiner Sicht noch meilenweit entfernt, ist auch noch in ambulanter Psychotherapie.
Um sich woanders zu bewerben fehlt ihm derzeit schlichtweg noch der Mumm, er hat Angst wieder ins Klo zu greifen und kriegt's deshalb nicht hin.

Ich als Partnerin versuche ihn natürlich aufzubauen, schaue mit, daß er morgens aufsteht, höre ihm zu etc. - ich mach das alles wirklich gerne. - ABER: Mich kostet das an manchen Tagen unheimlich viel Kraft, ich muß selber aufpassen, daß ich nicht auf dem Zahnfleisch gehe, habe manchmal Magenschmerzen oder bin einfach nur wütend - auch wenn ich für Ausgleich sorge, regelmäßig zum Sport gehe etc.

Trotzdem fragt alle Welt mich immer nur nach dem Befinden meines Partners oder sagt mir wohlmeinende Dinge wie "du mußt stark sein"... - "du mußt ihn ein bißchen aufbauen" - "ach, du schaffst das schon, dir gehts doch gut". - Danke auch... - langsam macht mich das echt aggro - irgendwann dieser Tage mußte ich echt aufpassen, daß ich nicht mal gepflegt in die Luft gehe.

Wie's mir geht, interessiert irgendwie keinen - *gnarf*.

Belgis
Plappermäulchen
Plappermäulchen
Beiträge: 108
Registriert: Fr 13. Okt 2017, 18:00

Re: "...du mußt jetzt stark und für ihn da sein"...

Ungelesener Beitrag von Belgis » Do 10. Jan 2019, 16:38

Hallo wirreshuhn,

ich denke, dass sich viele Menschen gar nicht in die Lage eines Burn-out-Angehörigen hineinversetzen können. Das dich das aggro macht, kann ich gut verstehen. Diese "schlauen Sprüche" helfen leider herzlich wenig, auch wenn der jenige es nur gut meint, und dir damit Mut machen möchte. Wenn es sich um Freunde handelt, dann könnte es vielleicht helfen ihnen zu erklären wie es Dir geht. Falls das nicht funktioniert, und das ist leider gut möglich, dann ist es wichtig, sich von den "schlauen Sprüchen" abzugrenzen. Auch das ist jetzt von mir ein "schlauer Spruch", denn es ist nicht einfach, sich abzugrenzen. Ich kenne es leider auch von einer Freundin von mir, die ständig solche Sprüche rauslässt und ich habe auch heute wieder bemerkt, dass eine Wut in mir hochkommt. Ich versuche mir dann zu sagen: "Ok, nicht aufregen. Sie kennt diese Situation nunmal nicht und hat nicht die interpersonellen Fähigkeiten, sich da hineinzuversetzen. Sie meint es nicht böse, sondern möchte mir eigentlich helfen." Dann versuche ich so allgemein wie möglich ihr zu antworten, weil ich weiß, dass eine Diskussion auf einer Ebene nicht möglich ist.

Den Satz: "Du schaffst das schon." Ist irgendwie so ein Standard-Satz, wo man meinen könnte, der wird automatisch bei vielen Menschen abgespielt. Auch ich selber nehme mich da nicht raus und habe diesen Satz als jugendliche achtlos verwendet. Damit wollte ich auch nur aufmuntern und niemanden verletzen. Eine Freundin in der Schule damals hat ganz viele schlechte Noten in einer Tour geschrieben und ich habe immer wieder einen solchen Satz abgelassen, bis sie schließlich auch aggro wurde und mich angepampt hat mit den Worten: "Das sagst du immer, aber es wird nie besser." Dann hab ich angefangen darüber nachzudenken und habe den Satz nicht mehr so achtlos verwendet.
Leider sind viele Menschen da nicht so einsichtig und verwenden den Satz trotzdem.

Wie geht es dir jetzt?

Liebe Grüße

Benutzeravatar
ZeroOne
Schnattertasche
Schnattertasche
Beiträge: 375
Registriert: Mi 21. Sep 2011, 13:37
Geschlecht: Männlich
Ich bin: Betroffene(r)
Herkunft: Uterus

Re: "...du mußt jetzt stark und für ihn da sein"...

Ungelesener Beitrag von ZeroOne » Fr 11. Jan 2019, 09:37

Hi wirreshuhn!

Nur vorab kurz dazu:
wirreshuhn hat geschrieben:
Mi 9. Jan 2019, 16:02
...ist "eigentlich" seit Ende Dezember nicht mehr krankgeschrieben (seine Ärztin hat sich geweigert, eine weiter AU auszuschreiben)…
...Von "arbeitsfähig" - vor allem für seine Einsatz-Wechseltätigkeit - ist er derzeit aus meiner Sicht noch meilenweit entfernt...
Wie sieht er das denn? Das sind jetzt die Meinungen von 2 Außenstehenden, aber wie sieht er selbst seinen aktuellen Zustand? Dass er natürlich mit einer Bewerbung jetzt nicht bei einem neuen Arbeitgeber ins kalte Wasser springen kann, ist verständlich.
wirreshuhn hat geschrieben:
Mi 9. Jan 2019, 16:02
...langsam macht mich das echt aggro - irgendwann dieser Tage mußte ich echt aufpassen, daß ich nicht mal gepflegt in die Luft gehe...
Ich finde, dass das auch dein gutes Recht ist!!! Das solltest du dir auch herausnehmen und dich vielleicht nicht immer aus "diplomatischen Gründen" des "guten Friedens wegen" in Zurückhaltung üben.

Vielleicht hilft dir bei dieser Thematik ja auch der Thread "Nicht auf Verständnis anderer hoffen" etwas weiter? Da geht es zwar u.a. um Sprüche, die Betroffene so den lieben, langen Tag ins Gesicht gebrezelt bekommen, aber ich finde, dass das auch sehr gut bei Angehörigen zutrifft.

LG
ZeroOne

Antworten

Zurück zu „Fragen von Angehörigen, Freunden und Kollegen ...“