Emotionslosigkeit

... in Bezug auf den Umgang mit BurnOut-Betroffenen, deren Gefühlswelt oder sonstige Themen ...
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Samson
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Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von Samson » Mi 9. Jul 2008, 16:11

Liebe Mitglieder und Gäste,

weil oft thematisiert und doch kaum verstanden, möchte ich hier den Aspekt der Emotionslosigkeit einmal aufgreifen. Viele Betroffene schildern, dass sie in der Akut- bzw. Endphase des BurnOut nicht mehr fähig waren, Gefühle irgend einer Art zu empfinden. Ich selbst habe auch ein mustergültiges BurnOut mit allen seinen Phasen durchlaufen. Ich möchte an dieser Stelle bestimmt nicht behaupten, dass jedes BurnOut erstens gleich zu verlaufen und sich zweitens auch noch genauso anzufühlen hat. Dennoch gehe ich davon aus, ein wenig zur Aufklärung aller nicht persönlich betroffenen beitragen zu können, wenn ich meine Erfahrungen hier niederschreibe.

Möglicherweise fühlt sich auch der ein oder andere Betroffene ein wenig besser, wenn er Ursache und Perspektive dieses grausamen Erlebnisses kennen lernt. Es handelt sich hierbei um einen persönlichen Erfahrungsbericht mit einer gesunden Portion Spekulation.

Es war einmal ... ein Samson (Name von der Redaktion geändert), der aufgrund andernorts bereits geschilderter Umstände über einen sehr langen Zeitraum von insgesamt 9 Jahren auf ein BurnOut zusteuerte. Wenige Monate vor der Zielgeraden des finalen körperlichen und seelischen Zusammenbruches geschah es nun immer öfter, dass er aktiv und mit quasi Hochgenuss seinen ihm besonders nahe stehenden Personen seelische Qualen zufügte. Dazu nutzte er unterschiedlichste Mittel, vor allem aber den Weg des offen ausgetragenen Streits.

Nun war Samson nicht schon immer so ein Flegel gewesen. Vielmehr war ihm selbst nicht so ganz klar, weshalb er sich so benahm. Gleichzeitig sah er keinerlei Ausweg und provozierte ein ums andere Mal massive Zusammenstöße. Warum war das so? Das hängt mit dem von Samson als "Autobahnrasereffekt" bezeichneten Phänomen zusammen:

Wir alle sind Autos (also jetzt mal bildlich gesprochen) und fahren auf Straßen durch unser Leben. Die meisten fahren in ihren Städten und Dörfern herum, wo es eher gemächlich, nicht jedoch übermäßig schnell zu geht. Manche haben größere Pläne. Sie müssen dann auch ab und zu von einem Dorf ins andere gelangen. Dazu nutzen die Landstraßen. Die Streckenabschnitte auf freier Flur sind überschaubar und gehen aufgrund geringen Verkehrsaufkommens auch leicht von der Hand. Nun wie das Leben so spielt, werden irgendwann die Reisen immer länger und man fährt auch bald Bundesstraßen in weiter entfernte Ortschaften. Viele fahren auf diesen Straßen, die weit weg wollen. Die meisten halten sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Samson aber hatte es besonders eilig. Er überholte immer wieder andere. Manchmal wurde es ganz schön knapp, weil er den Gegenverkehr nicht richig eingeschätzt hatte oder den Überholten schnitt. Aber lange Zeit ging doch eigentlich alles gut. Aber Samson sah dann, dass es auch Autobahnen gab. Auf denen man noch viel schneller fahren konnte. Er genoss das zügige Vorankommen und dass alle über seinen tollen Fahrstil und sein schnelles Auto staunten.

So kam es schließlich, dass Samson eines Tages auf der linken Spur, Gas im Anschlag, über die Autobahn raste. Eine Eigenart des schnellen Fahrens ist, dass man leicht und quasi zwangsweise eine Art Tunnelblick entwickelt. Man registriert nicht mehr, was am Rand der Fahrbahn passiert.

Je schneller man fährt, desto weniger erlebt man das um sich herum Geschehende. Das heißt aber noch lange nicht, dass Samson bei der ganzen Sache nichts mehr fühlte. Vielen kam es nur so vor, weil er sie eigentlich gar nicht mehr wahrnahm oder nur so wenig von ihnen, dass er sich später gar nicht mehr daran erinnern konnte. Bald ist Samson nur noch mit Fahren beschäftigt und alles andere interessiert ihn gar nicht mehr. Er hat vergessen, dass es noch etwas anderes außer Autobahn gibt. Sogar wenn er zu Hause im Bett liegt, träumt er von der Autobahn.

Die Autobahn hat Samson abstumpfen lassen. Dieses enorm starke und eindrucksvolle Erlebnis lässt eine Gewöhnung entstehen. Das ehemals bewundernswerte Land- und Bundesstraßenfahren ist "langweilig" und uninteressant. Als Samson jedoch bemerkt, dass auf Dauer der Verschleiß seines Autos viel zu groß ist, wenn man nur auf der Autobahn unterwegs ist, wird er sehr sehr traurig und denkt, das beste in seinem Leben sei nun vorbei. Er fällt auf ein Niveau zurück, das er für längst überholt gehalten hat. Es dauert sehr lange, bis er seinen Tunnelblick wieder erweitert und sich an das Vorankommen auf Landstraßen wieder gewöhnt hat. Aber er hat es geschafft und freut sich heute sogar, dass er nie mehr Autobahn fahren muss. Jedenfalls nicht mehr für übermäßig lange Dauer.

Man setze für "Scheuklappen" und "schnelles Fahren" <=> "Emotionslosigkeit" und "Desinteresse" und man wird hoffentlich verstehen können, welcher Mechanismus im Rahmen eines BurnOut abläuft. Man stumpft ab und kann mit den vermeintlich trivialen Gefühlen und Emotionen des Alltags nichts mehr anfangen. Das heißt nicht, dass man sie nicht mehr empfinden kann, aber sie gehen im Strudel viel stärkerer Emotionen unter. Diese starken Emotionen sind evolutionär bedingt: Versagens- und Existenzangst.

Und wenn Samson nicht der Sprit ausgegangen ist, fährt er noch heute rum ....

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Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von Tiggi » Mi 9. Jul 2008, 16:25

Hallo Samson,

das ist ein guter Vergleich. So kann ich mir, als betroffene Angehörige, das was da abläuft auch vorstellen. Alles wird etwas leichter nachvollziehbar. Es ist halt schon sehr schade, dass man, solange der Betroffene auf der Autobahn fährt, gar nicht zu ihm durchdringt. Denn stellt man sich als Anhalter auf den Straßenrand, wird aufgrund der Geschwindigkeit entweder gar nicht wahr genommen oder glatt überfahren. :(

Aber Du hast ja Gott sei Dank die Abfahrt entdeckt *verehren* und bist (Überland) nach Hause gefahren *hüpf* .

LG

Tiggi

Canis

Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von Canis » Mi 9. Jul 2008, 16:48

bei mir ist es zum glück nicht soweit gekommen-
Vermute das der körper die gefühle nach und nach selbst ausknipst um mehr kraft für
das übrige leben zu haben.
Wäre schon interesant was da rein wissentschaftlich im körper abläuft-welche stoffe da nicht mehr oder in zu grosser menge ausgeschüttet werden.

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Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von Samson » Mi 9. Jul 2008, 16:51

Das kann ich Dir sagen: Adrenalin und Cortisol dominieren. Irgendwann dann nur noch Adrenalin. Ich bin aber eben schon davon überzeugt, dass die Emotionen nicht weg sind, sondern stumpf von stärkeren überlagert werden: Urinstinkten.

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Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von Teardrop » Mi 9. Jul 2008, 19:14

Hallo Samson,

das mit den Autos ist ein wundervoller Vergleich! Und alle, die wie man selbst keinen Turbo mit Nachbrenner unterm Hintern haben, rasen nur so an einem vorbei oder bleiben immer hinten zurück, oft bemüht an das schnellere Auto ranzukommen. Aber wie, wenn man selbst doch einen spritzigen Rennwagen hat...?
Tja und wenn doch mal ain anderes Auto unverschämterweise auf der linken (unserer!) Spur rumtuckert, dann setzten wir so lange Hupe, Rumgefuchtel und Schimpftiraden ein, bis derjenige sich verschüchtert auf die rechte Spur zurückzieht...
Es sind die kleinen Dingen im Leben, die den größten Wert haben.

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Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von Tiggi » Do 10. Jul 2008, 00:06

@Samson und Teardrop: künftig wird bei einem derartigen Verstoß aber ein Knöllchen und Punkte fällig!!


Habe die Ehre

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Canis

Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von Canis » Do 10. Jul 2008, 07:57

*prof* und bei 12 punkten der führerschein eingezogen......

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Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von HEAVENandHELL » Sa 12. Jul 2008, 11:02

Canis hat geschrieben:*prof* und bei 12 punkten der führerschein eingezogen......
stimmt nicht, habe 13punkte (bis vor kurzem sogar 15) u meinen führerschein immernoch *grimasse* führerschein wird "erst" ab 18punkten eingezogen...

samson, ich fand deinen beitrag sehr gut! für mich, als notorische raserin auf der autobahn (also in echt jetzt) konnte mit deinem beitrag meinen BO sehr gut nachvollziehen u habe sehr viele parallelen entdeckt. echt klasse geschrieben *cool*
Freiheit beginnt im Kopf, also muß ich warten, bis sich der Nebel lichtet...

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Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von laidy » So 13. Jul 2008, 11:28

wie kann man den betroffenen als angehörige helfen? Wie schaffe ich es als angehörige mit diesem problem umzugehen? ich will meinen mann doch nicht verlieren.
Lieben Gruß laidy
Liebe Grüße Laidy

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Re: Emotionslosigkeit

Ungelesener Beitrag von Samson » Mo 14. Jul 2008, 21:26

Hallo!
laidy hat geschrieben:wie kann man den betroffenen als angehörige helfen? Wie schaffe ich es als angehörige mit diesem problem umzugehen? ich will meinen mann doch nicht verlieren.
Gute Frage! Wenn ich das wüsste, würde ich jedesmal einen Euro für die Antwort verlangen und mich zur Ruhe setzen! 8-) Ich glaube, es hilft nur eines. Tiggi hat das hier schon oft erwähnt, aber es ist durchaus wiederholenswert: für den Partner da sein und zuhören. Eine Depression ist eine Krankheit der Seele. Die Seele kann man nicht richtig anfassen. Wenn ich einen stressigen Tag hatte oder einfach irgenwie hibbelig bin, nimmt mich meine Frau in den Arm. Sie hält mich dann ganz fest und zeigt mir, wie ruhig sie ist. Sie gibt mir davon etwas ab und ich versuche, dieses Gefühl in mich aufzunehmen. Das hilft mir immer sehr weiter! Außerdem hört sie mir immer zu. Und wenn ich ihr zum 10000ten Mal erzähle, wie mich mein Kreislauf scheinbar wieder ärgert, hört sie zu. Sie versucht mit mir eine Erklärung zu finden oder mir auch einfach nur klar zu machen, dass sie für mich da ist. Niemals nimmst sie mich nicht ernst oder mach komische Bemerkungen.

Außerdem kannst Du natürlich noch versuchen, für schöne Erlebnisse zu sorgen. Mach etwas mit Deinem Partner, das Euch beiden Spaß macht. Tritt im in den Hintern, wenn nötig. Aber sanft. Dann macht er bestimmt mit und das alles tut Euch beiden gut!

Liebe Grüße
Samson

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