3.2 Emotionale Auswirkungen
Befindet man sich mitten in einem Burn Out, so ist es schwer, seine Gefühle zu kontrollieren, wahrzunehmen oder auch ihnen zu trauen. Am ehesten lässt sich dieser Zustand mit der Gefühlswelt eines Pubertierenden vergleichen: Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt!
Dabei überwiegt das zu Tode betrübt, nichts oder nur sehr wenig dringt durch diesen dichten Schleier, nur wirklich extreme Reize erreichen den Menschen. Andererseits, wenn man in einer der, zugegebenermaßen kurzen, Hochphasen ist, scheint alles möglich. Was es wirklich schwierig werden lässt: eine reale Selbsteinschätzung ist nicht mehr möglich. Somit werden einzelne Situationen überbewertet, andere wiederum ignoriert, so dass man zu einer Gefahr für sich und die Umwelt wird. Ständig mit dem Gefühl zu leben, die Sonne scheint nicht mehr richtig, wärmt nicht mehr, die Umwelt lehnt einen ab oder zieht sich zurück, Freude ist gänzlich verschwunden, Hoffnungen gibt es nur noch vereinzelt, bei näherer Betrachtung lösen sie sich in Luft auf, all das zehrt an den Kräften.
Man erlebt ein Abstumpfen, Kälte breitet sich aus und nichts macht mehr Sinn. Rettungsringe, die greifbar vor einem schwimmen, sind unerreichbar oder sogar unsichtbar. Ein Dahinschwinden begleitet den Tag, man wird farbloser, der Drang, nur noch schlafen zu wollen, wohl wissend, dass dies nicht möglich ist, wird immer stärker. Jede Gesellschaft wird zur Belastung, selbst Menschen, die einem sehr nahe stehen, die man liebt oder geliebt hat, strengen durch ihre pure Anwesenheit an. Gemeinsame Unternehmungen mit Familie oder Freunden geraden zu Tortur, statt Entspannung und Stressabbau kommt es zu genauem Gegenteil. Der Vergleich mit Frodo Beutlin, der unter dem Ring litt und zu einem Schatten seiner selbst wurde scheint angebracht.
All dies geschieht mit einem in der Phase, wenn man noch arbeitet, dadurch von sich selbst abgelenkt ist. Wenn dann der Gang zum Arzt – entweder von selbst oder durch den Druck von Außenstehenden (Familie, Freunde, Arbeitgeber) – angetreten und man gezwungen wird, sich mit seiner Situation auseinander zu setzen, ändert sich einiges. Plötzlich klafft da ein Abgrund, der unüberwindbar scheint. Das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren verstärkt sich bis man denkt, jetzt ist es nicht auszuhalten.
In dieser Situation überrollen die lange brach liegenden Emotionen die Gefühlswelt, dem hat man nichts entgegen zu bringen. Wie eine Feder im Sturm wird man umhergewirbelt, oben wird zu unten und wieder zurück. Nichts scheint mehr Gültigkeit zu besitzen, Chaos beherrscht die Seele. Um diesen Orkan zu überleben braucht man seine Kraft, selbst einfachste Tätigkeiten laugen aus. Die Umwelt verschwimmt, Tage vergehen ohne Erinnerung an das Geschehene, kein Platz mehr vorhanden. Wie lange das anhält hängt davon ab, wie sehr man sich dagegen wehrt. Kein Sturm dauert ewig, es gibt nur stärkere und schwächere.
Wenn der Wind nachlässt, breitet sich Ruhe aus, kein Geräusch stört. Dann, ganz langsam und leise, kehren die ersten Empfindungen zaghaft wieder. Anfangs ist es durchaus möglich, dass man ihnen nicht traut, überrascht ist, zu welchen Gefühlen man in der Lage ist. Sollte jedoch der typische Ehrgeiz, alles jetzt sofort und gleich zu erleben und zu erledigen, wie er bei BurnOut-Erkrankten auftritt, einsetzen, so steht man am Anfang eines neuen Sturmes. Und dieser wird meist heftiger, die neuen, positiven Emotionen noch empfindend, wird man dann noch stärker zum Spielball der Elemente. In dieser Situation ist es das Schwierigste, Außenstehenden mitzuteilen, was sich im Inneren abspielt. Man glaubt, dass es nicht nachvollziehbar ist, selbst kann man das ja kaum.
Ich glaube, das ist mit eine der schwersten Zeiten, die Persönlichkeit scheint bedroht und das Gefühl, verrückt zu werden und sein eigenes Leben nicht mehr selbstbestimmt führen zu können, nimmt eine bedrohliche Größe an. Spätestens jetzt wandelt man auf einem sehr dünnen Grat, nichts und doch alles scheint wirklich, Trauer und Freude, Angst und Zuversicht wechseln sich in so hohem Tempo ab, dass man meine könnte, sie lieferten sich ein Rennen. Dann will jeder Schritt genau überlegt sein, droht doch der Absturz. So lange man denkt, man wird verrückt, ist man noch auf der sicheren Seite.
Hat man auch diesen Sturm überstanden, so kehrt die Erinnerung an sich selbst zurück, wie man vor langer Zeit einmal war. Jetzt ist die Chance, sich zurück zu entwickeln, durchaus positiv gemeint und die Erfahrungen der letzten Zeit dabei mit einfließen zu lassen. Denn vergessen, was geschehen ist, ebnet den Weg für einen erneuten Zusammenbruch. Schwer ist es, mit den Gefühlen klar zu kommen, sie zuzulassen, alles um sich herum mit neuen Augen zu sehen. Geliebte Menschen wieder unbefangen in den Arm zu nehmen, ihre Nähe genießen und Kraft aus der Berührung zu schöpfen oder einfach sich am Gesang eines Vogels zu erfreuen, kurz nachzuholen wozu man lange, teilweise sehr lange, nicht mehr in der Lage war. Die Gefühle auch spüren und nicht wie bisher den Anschein von Emotionen zu erwecken, weil es angebracht war. Dennoch gaben die Augen deutlich zu verstehen, da ist nichts im Inneren, alles nur gespielt.
Denn das ist es, was man in der Zeit vor den Stürmen wirklich spürt: NICHTS!
Weder positive noch negative Emotionen berühren, nur die Leere ist allgegenwärtig.


