2.3 Privater Stress

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… ist ein ganz eigenes Problem. Unter den in den vorhergehenden Kapiteln angenommenen Voraussetzung, dass Stress individuell wahrgenommen wird und ein bestimmtes Level nicht dauerhaft überschritten werden darf, möchte ich im folgenden einige Möglichkeiten persönlichen Stresses aufgreifen. Unter “persönlich” verstehen wir in diesem Fall die Art von Stress, die nur uns und unser privates Umfeld betrifft. Dieser Art von Stress kann man, wenn überhaupt, nur schwer entfliehen. Persönliche Bindungen, eine fixe Vorstellung  vom eigenen Leben und viele andere Faktoren binden uns an unseren privaten Alltag. Dabei ist nicht alles, was wir aus eigenem Antrieb tun auch positiver Stress.

Wichtige und oft genannte Faktoren privaten Stresses sind:

“Ich kann einfach nicht nein sagen!” – Obwohl jemand bereits viele Aufgaben hat und eine an ihn herangetragene Bitte aus vernünftigen Gründen hätte abschlagen sollen, fühlt er sich dennoch verpflichtet zu helfen. Wenn man dann nachfragt, wie es dazu kommt hört man eingangs geführtes Zitat. Man kann sich über dieses Phänomen lange den Kopf zerbrechen oder es einfach als persönliche Eigenart abtun. Dennoch ist es bei vielen BurnOut-Betroffenen zu finden. Sie schaffen es nicht, eine Bitte abzuschlagen. Teilweise muss die Anfrage noch nicht einmal formuliert werden. Der Betroffene bietet sich an oder drängt sich nahezu auf, wenn er von dem zu lösenden Problem erfährt. Die zusätzliche Anstrengung unterschätzt er, stellt sich alles ein wenig zu leicht vor oder ignoriert sie gar bewusst.

Dieses hohe Engagement im sozialen Umfeld des Betroffenen macht ihn zu einem meist gern gesehenen Besucher. Teilweise macht man sich diese Eigenschaften zu Nutze und trägt bestimmte Tätigkeiten an die BurnOut-Patienten heran. Es ist kaum anzunehmen, dass dahinter eine böse Absicht steckt. Man sucht eine Lösung für ein Problem und hat sie scheinbar schnell gefunden. – Genau dies führt im Rahmen einer BurnOut-Phase dann auch schnell zu Problemen. Ist der Betroffene so weit, dass er Tätigkeiten zurückweisen und Anfragen ablehnen muss, kommt manchmal schnell Frust auf. Der Betroffene kämpft, versucht, sich Freiraum zu verschaffen und stößt dabei auf energischen Widerstand und Unverständnis. Bisher konnte er Anfragen nicht zurückweisen und kann sich gegen die Anfragen kaum zur Wehr setzen. Er kann sowieso kaum nein sagen und läuft Gefahr, dem wiederholten Bitten doch noch zu erliegen. Es wäre daher wünschenswert, wenn alle ein wenig darüber nachdenken würden, warum jemand plötzlich eine Bitte ausschlägt.

Familie bedeutet Schutz, Zuneigung, füreinander da sein. All dies bedeutet aber auch, dass wir aktiv sein müssen. Diese durch und durch positive Art von sozialem Miteinander kostet jedoch auch Kraft. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass man sich grundsätzlich und Zeit seines Lebens wird einsetzten und einbringen müssen, wenn man Familie haben möchte. So bedarf es auch eines gewissen Engagements innerhalb der Familie, wenn diese funktionieren und Früchte tragen soll. Eine Familie wird immer mehr geben, als sie einem abverlangt. Warum ist es dann überhaupt nötig, diesen Punkt zu thematisieren? – Ist das BurnOut-Syndrom erst einmal ausgeprägt, bedeutet jede Anstrengung für den Betroffenen ein Vielfaches an Stress, wie es normalerweise der Fall wäre. So kann auch die eigentlich positive Bilanz eines familiären Miteinanders im Rahmen eines BurnOut aus dem Fugen geraten. Angehörigen fällt es extrem schwer, mit dem sich stark verändert zeigenden Menschen umzugehen. Da der Betroffene oft nicht weiß, woher sein Stress und die damit verbundenen Probleme kommen, kommt es vor, dass er versucht, sich von der Familie zu befreien.

Lange habe ich nach einer Analogie gesucht, die in etwa beschreiben kann, was in einem BurnOut-Betroffenen vorgeht, wenn er die Familie von sich stößt. Am besten ist dazu meiner Meinung nach der Schockzustand geeignet, denn eigentlich liegt auch nichts anderes vor. Natürlich ist hier nicht der medizinische Schock gemeint. Wir beziehen uns hier auf den psychischen Schock. Man stelle sich vor, man wird von jemandem als Person in Frage gestellt. Die eigenen Werte sind angeblich nichts wert oder gar schlecht. Man würde andere belasten oder in Schwierigkeiten bringen. Es ist gut nachvollziehbar, dass man darauf extrem gereizt reagiert oder sich “geschockt” zurückzieht. Doch diese Analogie trifft bei weitem nicht, was der BurnOut-Patient durchmacht. Aufgrund lang anhaltenden Stresses bricht seine physische und psychische Belastbarkeit zusammen. Irgendwann muss er begreifen, dass etwas schief gelaufen ist. Viele kommen dabei an den Punkt, an dem sie erkennen müssen, dass sie dabei nicht ganz unschuldig waren. Sie suchen nun nach dem Warum.

Je mehr man über das eigene Problem nachdenkt, desto mehr Zweifel und Fragen kommen auf. Schlussendlich passiert es vielen, dass sie sich und ihr ganzes Leben in Frage stellen. Sie wollen möglichst schnell aus der Misere entfliehen und nachhaltig etwas ändern. Dieser eigentlich richtige Ansatz kann extreme Folgen haben.Die emotionale Ausnahmesituation und der erlebte Schock führen dazu, dass man alles Erlebte in Frage stellt. Mancher versucht, sich vom persönlichen Umfeld zu lösen, da er in einer totalen Überreaktion befürchtet, dieses könnte für seinen Zustand verantwortlich sein. Andere verlassen Partner und Familie, weil sie ihnen nicht mehr zur Last fallen wollen. Wieder andere kündigen ihre Arbeitsstelle oder bekommen schon Panikattacken, wenn sie nur an die Arbeit denken. All diese Reaktionen sind – vernünftig betrachtet – deutlich zu heftig. Doch das völlig aus den Fugen geratene Gefühlsleben des Betroffenen schreit seiner Meinung nach nach drastischen Mitteln, weshalb es zu solchen Kurzschlussreaktionen kommen kann.

Die Ursachen für Stress innerhalb der Familie oder des privaten Umfeldes können enorm vielfältig sein. Wie bei vielen anderen Themen, die das BurnOut-Syndrom betreffen, ist es nicht möglich, eine abschließende Aufzählung zu verfassen. Aus der nun doch recht umfangreichen Erfahrung mit dem www.burn-out-forum.de (BOF) kann ich jedoch sagen, dass vor allem folgende Punkte noch häufig als Stressoren empfunden und in hohem Maße für negativen, privaten Stress verantwortlich gemacht werden:

  • Schwierigkeiten mit der Kindererziehung
  • Die großen Anstrengungen mit Pflegefällen innerhalb des privaten Umfeldes (obwohl als selbstverständlich angesehen und auch gerne erfüllt, kosten die damit verbundenen Tätigkeiten natürlich Kraft)
  • Sich selbst überfordern und zu viele Vorhaben auf einmal angehen
  • Perfektionistisches Denken in allen Lebensbereichen
  • Fehlendes positives Feedback (betrifft auch den privaten Bereich)
  • Krankheit (auch die aus dem BurnOut entstehenden Beschwerden)
  • Verschmelzen von beruflicher Tätigkeit und privatem Engagement (“Kannst Du mal schnell, Du kennst Dich doch damit aus!”)

Es ist wichtig zu verstehen und zu akzeptieren, dass all diese Dinge mit dem Leben der Betroffenen in direktem Zusammenhang stehen. Sie sehen ihr eigenes Leben als Scherbenhaufen vor sich liegen. Aus der Ferne betrachtet ist das natürlich Unsinn. Wie wir wissen, muss nicht alles sondern nur das geändert werden, was über dem persönlichen Stresslevel liegt. Dabei kann schon eine kleine Änderung zu dauerhafter Besserung führen. Bis diese Erkenntnis zum Betroffenen (aber auch zu seinen Angehörigen) durch dringt, kann einige Zeit vergehen. In dieser Zeit kann es zu heftigen Reaktionen kommen, weshalb man sich die Zusammenhänge des BurnOut dringend vor Augen führen sollte.

Es können aber auch unzählige “Kleinigkeiten” zu einem großen Problem werden. Man stelle sich zum Beispiel vor, dass das Auto kaputt geht. Diese Sache an sich ist zu bewältigen und sicher keine Weltuntergang, wenn auch unter Umständen kostspielig und unangenehm. Doch kommen dazu auch noch andere Widrigkeiten, können diese in ihrer Gesamtheit zum gefürchteten Ungleichgewicht führen. Ständig geht irgendetwas schief und es will einfach keine Ruhe einkehren. Wir können nicht in die Menschen hinein sehen. Ich plädiere daher für mehr Toleranz und ein offenes Miteinander. So erfahren wir mehr voneinander und können uns besser gegenseitig auffangen.

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