2.2 Persönliches Stresslevel

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Dreh und Angelpunkt des BurnOut – Syndromes ist der Stress. Doch haben wir nicht alle Stress? Lässt sich denn Stress überhaupt vermeiden? Was soll denn an ein wenig Stress ein so großes Problem sein.

Nun, einmal vorweg möchte ich eine Behauptung aufstellen: Stress an sich ist nicht das Problem. Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass Stress eine eigentlich gute und nötige Sache ist! Um es mit berühmten Worten zu sagen: “Klingt komisch, ist aber so!”

Was ist Stress? Damit haben wir uns ja bereits ein Kapitel weiter vorne beschäftigt. Es handelt sich dabei um eine bevorstehende oder noch andauernde Situation, die als schwierige oder unlösbar eingestuft wird. Wir gehen aus unterschiedlichsten Gründen davon aus, dass wir diese Situation nur schwer oder vielleicht sogar überhaupt nicht erfolgreich meistern können. Das Versagen steht direkt bevor oder wird befürchtet. Um dieses gefürchtete Versagen zu vermeiden, müssen wir Hochleistung bringen. Wir geraten in einen Stresszustand.

Dieses Verhalten ist angeboren und eine evolutionär sehr wichtigeÜberlebensstrategie. Bemühen wir doch hierzu den vielzitierten Säbelzahntiger, der unseren Vorfahren so gerne als Urzeitmonster vorgesetzt wird. Würde der Urmensch nun bei einer Begegnung mit dem ungeliebten Zeitgenossen weiterhin seine Kräuter sammeln oder die Pause fortsetzen, wäre die Mahlzeit des Säbelzahntigers bereits gesichert und das Ende des Urmenschen vorprogrammiert. Da Säbelzahntiger aber naturgemäß schneller, stärker und ausdauernder als der Urmensch sind, brauchte es eine Eigenschaft, die die evolutionäre Fitness (Angepasstheit) des Urmenschen erhöhte.

Die hierzu nötige Anpassung lag in der geistig deutlich höheren Entwicklung des Menschen und einigen sehr komplexen Verhaltensmustern. Ein sehr wichtiger Faktor hierbei ist der Stress. Der Körper schüttet Unmengen an Stresshormonen aus und macht so den Körper kurzfristig enorm leistungsfähig. Wir können schneller rennen, höher springen, besser kämpfen. Obwohl dieser Effekt den Körper enorm strapaziert und nur von kurzer Dauer sein kann, springen dabei oft die nötigen Vorteile heraus, die ein Überleben ermöglichen.

Diese Reaktionen laufen auch heute noch in unserem Körper ab. Doch hat sich etwas grundlegend verändert: der Säbelzahntiger musste etwas zeitgemäßeren Feinden weichen. Wer kann es sich heute schon leisten, seinem Chef an die Gurgel zu springen, bei einem Streit auf einen Baum zu flüchten oder dem unverschämten Verkehrsrowdy eins über zu braten? Das dürften die wenigsten sein. Es folgt also auf die körperliche Stressreaktion keine entsprechende körperliche Aktivität. Die Stresshormone können somit nicht abgebaut werden und verbleiben über längere Zeit im Körper. Dort kommt es dann oft zu unschönen Reaktionen, die wir jedoch erst später behandeln wollen.

Doch was soll den nun an Stress bitte schön positiv sein? Nun, das lässt sich recht einfach zusammen fassen: Stress bewirkt Anpassung. Der Bodybuilder macht nichts anderes, als seinen Körper zu stressen. Er setzt die Muskulatur Reizen aus, denen sie nicht gewachsen ist. Die Muskulatur wiederum versucht, sich bestmöglich anzupassen und wird stärker. Ein durchaus positiver Effekt, möchte ich behaupten! Das trifft auf sehr viele Bereiche zu. Doch wann wird denn Stress nun negativ? Meiner Ansicht nach dann, wenn der nötige Ausgleich nicht mehr gegeben ist. Hält der Bodybuilder nämlich seine Ruhephasen nicht ein, wird er den Muskel schädigen und nicht den gewünschten Effekt erhalten. Entzündungen, Verletzungen und Schmerzen sind der zweifelhafte Erfolg.

Stress hat aber noch einen anderen Effekt. Obwohl Stress nämlich wichtig und positiv ist, kann er auch zum Problem werden. Können wir nämlich die Anforderungen nicht mehr kompensieren, uns nicht mehr anpassen, wird schon das kleinste Problemchen zum unüberwindbaren Hindernis. Auch hierzu möchte ich wieder ein Beispiel bemühen, meinen berühmten Baum!

Unser Baum ist noch ein kleines Pflänzchen und wächst in einem wunderschönen Hain vor sich hin. Es geht ihm richtig gut. Er gedeiht und wird jedes Jahr größer. Eines Tages, er ist inzwischen ein stattlicher und kräftiger Jungbaum geworden, beschließt die Nachbargemeinde, eine Straße durch den Hain zu bauen. Der Baum hat Glück und muss nicht gefällt werden, aber er steht direkt neben der Straße. Dort ist es laut und die Luft ist verschmutzt. Das bisher nicht benötigte natürliche Stresskonto des Baumes wird mit 60 Stressprozentpunkten belastet. Der Baum wundert sich über all den Lärm und den Dreck, kann sich jedoch anpassen und denkt dabei: “Was soll’s, mir geht’s ja gut!” Nachdem es nun aufgrund weiterer Umweltschäden zu saurem Regen (weitere 30 Stressprozentpunkte) gekommen ist, geht es ihm nach erfolgter Gewöhnungsphase noch immer gut. Er macht sich keine Gedanken und wächst fröhlich vor sich hin. Auch die paar Borkenkäfer (5 Stressprozentpunkte) machen ihm nicht viel aus. Mit seinen 95 % Stresspunkten geniest er das Leben. Als ihm jedoch das junge Liebespärchen als Beweis ihrer Zuneigung ein Herzchen in die Rinde schnitzt, kann er es jedoch gar nicht fassen. Die nunmehr insgesamt 102 % seiner Stressbelastung bewirken, dass es ihm echt mies geht. Er ist schockiert und versucht, sich zusammen zu reißen. Doch es hilft nichts. Die Blätter fallen, eines nach dem anderen. Die Äste werden brüchig und der Baum droht zu sterben. Der folgende, richtig kalte Winter bewirkt, dass die Borkenkäfer alle sterben. Das Stresslevel des Baumes sinkt auf 97 % seines maximalen Stresslevels und endlich erholt er sich wieder. Es geht ihm endlich wieder gut.

Ich denke, es ist verständlich, was diese Geschichte deutlich machen soll. Wir alle können Stress ertragen. Meist sogar unerwartet viel. Doch wenn das Maß schließlich voll ist, muss etwas geschehen. Keinesfalls müssen wir unser ganzes Leben verändern. Oft genügt es schon, diepersönlichen Borkenkäfer zu beseitigen!

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