2.1 Stress als Auslöser

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Stress ist eine höchst subjektive Erfahrung. Jedes Individuum erfährt seine Umwelt auf eine ihm eigene Weise. Während eine Person eine bestimmte Situation als höchst stressig empfindet, stellen die gleichen Umstände für ein anderes Individuum kein Problem dar.

Ich bin überzeugt, dass es keinen Sinn macht, zu versuchen, den Umstand “Stress” in eine Definition zu zwingen. Davon abgesehen, dass es eine Unsitte unserer Zeit ist, jeden Umstand bis ins Detail definieren zu müssen, macht es bei solch emotionalen und persönlichen Erfahrungen schlicht und einfach keinen Sinn, eine allgemein gültige Erläuterung finden zu wollen. So individuell wie die Persönlichkeiten sind, so unterschiedlich sind auch die Erfahrungen mit Stress.

In den folgenden Kapiteln widmen wir uns dem für das BurnOut-Syndrom relevanten Stress. Gleichwohl gelten hier kaum Einschränkungen. Unsere persönlichen Erfahrungen lehren uns täglich, dass nahezu jede Situation auch als Belastung empfunden werden kann und sei sie im Grunde noch so positiv. Deshalb soll dieser Abschnitt einen kurzen Umriss zeichnen und auf keinen Fall eine erschöpfende Aufzählung aller möglichen Konstellationen sein.

Stress entsteht meist dann, wenn man sich mit Umständen konfrontiert sieht, denen man nicht gewachsen zu sein scheint.Dabei spielt es eine scheinbar lediglich untergeordnete Rolle, ob diese Tatsache der Wahrheit entspricht. Greifen wir zur besseren Verständlichkeit an dieser Stelle zu einem Beispiel.

Ein Bäckerlehrling bekommt die Aufgabe, eine bestimmte Torte zu backen. Das Projekt ist ehrgeizig und der Lehrling geht davon aus, die Erwartungen nicht erfüllen zu können. Er gerät unter Druck. Während er sich an die Aufgabe macht, kommt er alleine nicht weiter und bittet seinen Meister um Hilfe. Unter entsprechender Anleitung stellt er fest, dass die Aufgabe durchaus lösbar ist. Je mehr er über die Situation nachdenkt, desto klarer wird ihm, dass er der Aufgabe von Anfang an gewachsen war. Dennoch hatte er gefürchtet, zu versagen. Allein diese Angst hatte ausgereicht, den Lehrling zu stressen. Die Annahme, zu versagen, war unbegründet. Die Stresswahrnehmung war jedoch genauso intensiv, als wäre die Anforderung tatsächlich zu hoch gewesen.

Ist eine Situation von Beginn an nicht aus eigener Kraft zu lösen, wird sie natürlich ebenfalls als bedrückend empfunden werden. Es fällt sogar oft leichter, sich mit dem quasi vorprogrammierten Versagen abzufinden. Man geht ganz automatisch davon aus, dass das persönliche Umfeld für ein solches Versagen mehr Verständnis zeigt, als hätte man aufgrund persönlichen Unvermögens die Anforderung nicht erfüllt. Äußerlich betrachtet ist es doch sehr erstaunlich, wie alltäglich wir uns aus unbegründeter Versagensangst heraus einschüchtern lassen. Es spielt also auch eine entscheidende Rolle, ob wir selbst den Maßstab für unsere Leistung setzen oder ob dieser sozusagen “von außen” angelegt wird.

Die Leistung anderer schätzen wir oft nach ganz anderen Kriterien ein, als die eigene. Die Gründe hierfür sind sehr komplex und in unserem sozialen Gefüge tief verankert. Unser in Millionen von Jahren evolutionär entwickeltes Sozialverhalten gebietet uns, eine für uns passende Stelle im Gefüge unseres Umfeldes zu finden. Es gilt, sich über andere hinweg zu setzen, mehr zu leisten und somit eben sozial attraktiver zu sein als andere. Fühlt man sich unterlegen, wird es schnell recht kompliziert. Die Gründe hierfür sind für unsere Belange (Zusammenhang Stress und BurnOut) gar nicht so wichtig. Vielmehr reicht es uns aus, davon Kenntnis zu nehmen. Des Pudels Kern ist es nämlich, dass wir für die meiste Zeit des Tages unsere eigenen Maßstäbe setzen. Wir messen uns mit vermeintlich “besseren” Menschen. Doch das tun wir nicht in nur einem Bereich. Wir tun es in vielen. Dies führt dazu, dass wir schließlich nur noch damit beschäftigt sind, insgesamt unerreichbaren Idealen nach zu eifern. Dies klingt zynisch und übertrieben doch denken Sie mal genau darüber nach, wie vielen Idealen Sie insgeheim entsprechen wollen, vielleicht sogar, ohne es bisher gemerkt zu haben.

Eine sehr große Rolle spielt im Zusammenhang mit Stress auch die persönliche Toleranzgrenze. Wie manche im Sport leistungsfähiger sind als der Rest, so gibt es solche Unterschiede in jeglichen Lebensbereichen. Doch während man irgendwann einfach nicht mehr schneller laufen, höher springen … kann, verhält ist es mit der mentalen Leistungsfähigkeit, der psychischen Ausdauer ein wenig anders. Viele erkennen nicht, dass auch hier die selben Regeln gelten. Man kann nur leisten, wozu man eben im Stande ist. Da ein “mentaler Muskelkater” aber nicht sonderlich weh tut, übersieht man die Warnzeichen nur all zu leicht und treibt sich immer weiter voran. Genau darin besteht eine der größten Gefahren, ein BurnOut zu erleiden.

Ist es eigentlich wirklich wichtig, im Zusammenhang mit dem Thema BurnOut, zwischen psychischem und physischem Stress zu unterscheiden? Ich bin ich mir da nicht all zu sicher. Ich gehe zwar stark davon aus, dass mentaler Stress das deutlich größere Übel ist, dennoch bin ich mir der Tatsache bewusst, dass auch körperliche Anstrengung eine große Rolle spielen kann. Es dürfte wohl wie immer am richtigen Maß liegen. Wenn man es übertreibt, kommt nicht viel Gutes dabei raus. Doch muss man im Auge behalten, dass körperliche Anstrengung oft nicht unwesentlich dazu beiträgt, negative Stresseffekte wie zum Beispiel die Ausschüttung von Stresshormonen, eher positiv zu beeinflussen. Auch können wir mit der zwangsläufig eintretenden körperlichen Erschöpfung naturgemäß besser umgehen. Psychischer Stress hat die unschöne Eigenschaft, sich über oft lange Zeit verdrängen zu lassen.

Das bisher geschriebene macht den Eindruck, als wäre Stress eine rein negative Erfahrung. Das darf man hier so nicht stehen lassen. Man muss tatsächlich unterscheiden zwischen negativem (Disstress) und positivem (Eustress) Stress. Positiver Stress hilft uns dabei, Geist und Körper zu fordern, zu fördern und auch das Leistungsvermögen zu steigern. Wer würde behaupten, eine Achterbahnfahrt, ein Marathon oder eine ähnliche Erfahrung hätten nicht auch ihre guten Seiten. Viele Menschen suchen verzweifelt nach dem Eustress. Der Erfindungsreichtum treibt hierbei geradezu exotische Blüten. Wann wird Stress aber gefährlich? Hierzu mehr in den folgenden Kapiteln.

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