Es ist daher extrem wichtig an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die folgende Aufstellung in keiner Weise den Anspruch erhebt, vollständig zu sein. Vielmehr wurden die gewichtigsten und häufigsten Komplexe zusammengetragen. Es sind auch gänzlich andere Konstellationen denkbar.
Es muss zunächst zwischen zwei großen Komplexen unterschieden werden. Dabei geht es zum einen um die von außen an den Betroffenen herangetragenen Aufgabenstellungen und zum anderen die persönlichen Eigenheit, die für jeden Menschen individuell sind.
Einflüsse von außen:
Täglich prasseln auf jeden Aufgaben und Forderungen ein. Viele davon werden zwangsläufig im beruflichen Umfeld gestellt. Doch auch im privaten, zwischenmenschlichen oder auch ehrenamtlichen Bereich kommt es zwangsläufig dazu, dass wir angehalten werden, gewisse Dinge zu erledigen. Das Leben ist tagtäglich mit Aufgaben gefüllt. Allein Tatsache ist jedoch in keiner Weise negativ. Es gibt viele Aufgaben, die wir mit Freude erfüllen und uns sogar darauf freuen. Ob diese Erfahrungen uns nun negativ oder positiv beeinflussen, liegt schlussendlich an unserer Wahrnehmung, dem bereits erreichten Stresslevel und vielen weiteren Faktoren.
Ohne Zweifel sind manche Stressoren eher dazu geeignet, krank machenden Stress zu erzeugen. Da wir vom ständig mit dem Säbelzahntiger kämpfenden Urmenschen abstammen (dieses Beispiel wird uns ständig begleiten, da es evolutionäre Zusammenhänge gut erklärt), beeinflussen uns besonders die Probleme, die unser Körper als bedrohlich empfindet. Diese extrem subjektiven Wahrnehmungen ergeben sich ständig. Während sich der eine allein durch das Unterschreiten des persönlichen Freiraumes in gewisser Weise angegriffen fühlt, braucht es beim anderen schon ein heftiges Streitgespräch, bis Stresshormone ausgeschüttet werden.
Akute Angriffe auf die Persönlichkeit, das in Frage stellen der Wertigkeit einer Person oder noch schwerer Formen von Mobbing haben sicherlich jene Grenze schnell überschritten, bei der man von persönlicher Überreiztheit sprechen möchte. Für persönliche Interpretation ist hier kein Raum und die Belastung durch Mobbing inzwischen gemeinhin anerkannt. Genau an dieser Stelle können wir nicht umhin, uns nun Gedanken über das BurnOut-Problem schlechthin Gedanken zu machen. Viele Betroffene leiden darunter, dass ihr Leid nicht wahrgenommen oder heruntergespielt wird. Es gibt einen Satz, der dazu geeignet ist, dieses Unverständnis aufzuzeigen. In guter Absicht und in der Annahme, die Grundzüge des BurnOut schnell und prägnant zusammen zu fassen wird vielerorts immer wieder folgendes Zitat bemüht:
“Nur wer brennt, brennt aus”
Diverse Abwandlungen sind in den Weiten des Internets unterwegs. Jedes einzelne davon beleuchtet nur sehr eingeschränkt die Komplexität des BurnOut-Syndroms. Ich möchte sogar so weit gehen festzustellen, dass dieses Zitat mehr für Verwirrung und Missverständnisse sorgt, als es zur Aufklärung oder Darstellung unseres Themas dienen könnte. So wird der Schwerpunkt automatisch auf die Personen gelenkt, die sozusagen “aktiv” ausbrennen. Dieser Personenkreis ist extrem aktiv und schafft es aus unterschiedlichsten Gründen nicht, den nötigen Ausgleich einzuhalten. Gänzlich verloren gehen diejenigen, die unverschuldet unter Druck geraten sind, ihren Zustand nicht beeinflussen können. So kann doch kein sachkundiger Denker einer unverschuldet in Bedrängnis geratenen Person die Diagnose BurnOut aberkennen. Denken wir in diesem Zusammenhang an die Eltern behinderter Kinder, schwer erkrankte Personen und hilfsbereite Menschen, die ausgenutzt werden. Die Reihe solcher Fälle wäre unendlich lang. All diesen Personenkreisen wird durch dieses Zitat Unrecht getan. Aus meiner Sicht ist dieses Zitat schädlich. Es ist einfach nur Unsinn zu denken, man könne ein Syndrom in fünf Worte packen.
Persönliche Disposition:
Nicht weniger umfassend aber sehr wohl handfester stellen sich die persönlichen Eigenheiten dar, die die Entstehung eines BurnOut-Syndroms begünstigen können. Daher möchte ich zu einer Auflistung greifen und die jeweiligen Punkte nur kurz erläutern.
- Unfähigkeit, den eigenen Belastungszustand zu erkennen: die Betroffenen erbringen große Leistungen und treiben sich selbst immer weiter. Sie empfinden es als positiv, konstruktiv und produktiv zu sein. Dabei übersehen sie die körperlichen und emotionalen Warnsignale, die einen sich einstellenden Erschöpfungszustand ankündigen. Oft sind solche Menschen auch außerordentlich leistungsfähig und hatten es über einen langen Zeitraum “nicht nötig” auf mögliche Erschöpfung Rücksicht zu nehmen.
- Fehlwahrnehmung der eigenen Körpermeldungen: Kopfschmerzen, Müdigkeit, hoher Blutdruck, Schlafstörungen, Schwindel … werden nicht im Zusammenhang mit dem persönlichen Stress gebracht. Sie werden als Einzelsymptome gesehen uns so behandelt. Die Ursache bleibt in diesem Fall natürlich unerkannt und die Probleme bleiben latent vorhanden oder verschlimmern sich gar.
- Überschätzen der eigenen Leistungsfähigkeit: ständiges Pushen der eigenen Leistung fördert Körper und Geist. Das Leistungsvermögen nimmt zu. Jede Art von Training erfordert auch, sich zunächst kontrolliert zu überlasten. So passt man sich mit der Zeit an steigende Anforderungen an. Doch kann man seine Leistungsfähigkeit nicht beliebig steigern. Wer das nicht erkennt und versucht, sich immer weiter zu verbessern, wird zwangsläufig über seine Grenzen gehen. Dies ist möglich, jedoch in einem zeitlich sehr beschränkten Rahmen.
- Emotionale Bindung an Anforderungen: definiert man sich durch Leistung, schätzt gar seinen Wert als Person dadurch ein, was man zu bewegen im Stande ist, treibt man sich selbst ständig voran. Ein Grundbedürfnis jedes Lebewesens ist es, den jeweils höchst möglichen “Rang” zu erreichen, die beste Fitness (biologische Fitness) zu erreichen. Wird dieses Streben nach Anerkennung übertrieben und gerät aus dem Gleichgewicht, weil man sich selbst immer wertvoller darstellen möchte, ist das Übel wieder einmal vorprogrammiert. Es gilt zu verstehen, dass es keine persönliche Niederlage ist, nicht jede Aufgabe bis zur Perfektion erfüllen zu können.
- Helfersyndrom: zwanghaftes Aufdrängen der eigenen Hilfe. Es wird gänzlich aberkannt, dass auch andere Hilfestellungen geben oder sich die Betroffenen selbst aus ihrer Lage befreien können.
- Definition über die eigene Leistung: übertriebener Ehrgeiz aufgrund der irrigen Annahme, andere würden die eigene Persönlichkeit nur anhand erbrachter Leistungen bewerten.
- Empfinden der eigenen Wertschätzung nur durch Leistung: man kann nicht mit sich selbst zufrieden sein. In der irrigen Annahme, nichts wert zu sein ohne herausragende Leistung zu erbringen, entwickelt man einen Hang zum Perfektionismus. Die an sich selbst gestellten Anforderungen steigen schließlich ins unerfüllbare.
- Unzufriedenheit und Unfähigkeit diese abzustellen: es stellt sich ein Zustand ein, in dem man mit nichts mehr zufrieden ist. Teilweise hängt dies mit oben erwähnten Umständen zusammen, teilweise handelt es sich um umorientierte Handlungen. Aufgrund der Tatsache, dass man sich in gewisser Weise selbst nicht mehr leiden kann, lenkt sich dieses negative Gefühl in andere Lebensbereiche um.
- Krankheiten und Ungleichgewichte: selbstverständlich gibt es auch von uns selbst nur geringfügig oder auch gar nicht beeinflussbare Voraussetzungen. Eine klinische Depression, ADS / ADHS, Störungen im Hormonhaushalt … können die Entstehung eines BurnOut begünstigen.
- Neigung zu überzogener Emotionalität: überlegtes Handeln wird dadurch erschwert, dass die Gefühlswelt ungewöhnlich stark im Vordergrund steht. Man kann sich nicht mehr ablenken, denkt nur noch an das eigene Problem.
- Neigung zur Depression: persönliche Voraussetzung, die schlicht und einfach angenommen werden muss. Es handelt sich um einen Aspekt der eigenen Persönlichkeit, der nur schwer zu beeinflussen ist. Jeder kann an sich arbeiten und versuchen, seine Grundeinstellung anzupassen. Sicherlich eine der schwierigeren Aufgaben, aber lösbar.
- Nicht “Nein” sagen können: häufig anzutreffendes Phänomen, welches dazu führt, dass man auf keine Bitte mit Ablehnung reagieren kann. Man befürchtet, in der Wertschätzung des anderen zu sinken, jemanden zu enttäuschen. Dabei spielt es häufig nicht einmal eine Rolle, ob man dem Gegenüber gewogen ist. Die Antwort auf eine Bitte wird stets positiv ausfallen. Diese Eigenheit kann geändert und gut abtrainiert werden.
- Mangelnde oder fehlende Stressbewältigung: extrem wichtiger Punkt im Zusammenhang mit BurnOut. Der Dreh und Angelpunkt beim BurnOut ist, dass der entstandene Stress in einem Missverhältnis zur Erholung bzw. anderem Ausgleich steht. Erholung muss nicht zwangsläufig auch Ruhe bedeuten. Manch einer baut Stress am besten durch körperliche Aktivität ab während andere sich anderweitig betätigen oder schlicht ruhen. Wichtig ist nur, dass schlussendlich eine schwarze Null unter dem Strich steht.
Sicherlich wurden viele Aspekte hier nicht angesprochen. An dieser Stelle wurde lediglich ein Überblick geschaffen, der den Einfluss der äußeren und inneren Faktoren des BurnOut-Syndroms darstellen soll.


